Unterschrift Joachim Gauck
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck

Berliner Stiftungswoche

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Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält die Berliner Stiftungsrede im Allianz Forum

©Seesaw/BSW 2019

Berliner Stiftungsrede im Allianz Forum

Teilnahme an der 10. Berliner Stiftungswoche

04. April 2019, Berlin

Zuerst einmal möchte ich Sie beglückwünschen. Sie feiern heute Ihr zehn-jähriges Jubiläum. Sie öffnen Ihre Türen und stellen sich den Fragen der Öffentlichkeit. Es ist auch ein Jubiläum für zehn Jahre mehr Transparenz im Stiftungswesen. Dass Sie seit einem Jahrzehnt der Berliner Stiftungslandschaft ein Gesicht geben, freut mich sehr. Sie zeigen damit, welch hohen Anteil die Stiftungen am zivilgesellschaftlichen Engagement in der Hauptstadt besitzen.  

Die Stiftungen hier in der Stadt sind zum Teil natürlich bereits deutlich betagter als die meinungsstarke Stiftungswoche. Bei mancher Stiftung kann man an die zehn auch locker eine Null dranhängen. Zum Beispiel bei der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Seit 1916 existiert sie, gegründet zur Förderung der medizinischen Erforschung und therapeutischen Behandlung von Kriegsverletzten. Heute kümmert sie sich um die die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, betreibt einen ambulanten Dienst, ein Rehabilitations-Zentrum und ein ambulant Betreutes Wohnen. Diese Stiftung beschäftigt sich seit über 100 Jahren also mit Wohnraum und, wie wir heute sagen würden, mit Inklusion. Zwei Themen, die in Berlin eine große Rolle spielen.  

Sie haben die Stiftungswoche unter den Titel gestellt "Wem gehört die Stadt". Daran sehen wir schon, dass wir es bei der Stiftungswoche nicht mit einem Honoratiorenkränzchen zu tun haben. Sie scheuen kontroverse Themen nicht – und ich finde, nur so können Debatten vorankommen. Wer heute in Berlin fragt, wem gehört die Stadt, der ist unweigerlich mitten drin in teilweise harten Debatten, in denen frühere Bundespräsidenten gar nichts verloren haben. Ich will mich nicht in die landespolitischen Streitthemen einbringen, obwohl Sie vermuten dürfen, dass ich zum Thema "Enteignungen" manch Kritisches beizutragen hätte… 

Aber ich kann der Debatte "Wem gehört die Stadt", der Sie sich hier auch stellen, durchaus etwas abgewinnen, wenn sie uns dazu führt, zu überlegen, wie eine wachsende Stadt wie Berlin, die in den letzten Jahren wirklich zu einem globalen Anziehungsort geworden ist, weiter ein guter Ort sein kann zum Leben für alle Menschen. Was dafür zu tun ist. Und was wir lieber lassen sollten. Was wir lernen können aus den Problemen der Metropole Berlin. Und was wir Berliner auch lernen können von denen, die nicht in einer Metropole leben und trotzdem am Puls der Zeit sind.  

Das, was Stadt und Land in besonderer Weise verbinden muss, auch in Zeiten des Umbruchs, das hat mit Stiftungen eine ganze Menge zu tun. Es ist die Frage: Wie schaffen wir es, dass Alle teilhaben können – an Bildung, an Gesundheit, an Wohlstand, an sozialer Sicherheit, an Kultur, am gesellschaftlichen Miteinander, an Mitwirkung im politischen Raum. Das ist eine Frage, die Stiftungen, auch hier in Berlin, schon sehr lange stellen – und kreative Antworten bereithalten, um diese Ziele zu erreichen.  

In Berlin engagieren sich viele der über 900 Stiftungen für die unterschiedlichsten Belange der Menschen. In der Öffentlichkeit genießen Stiftungen und ihre Stifter Respekt und Anerkennung für das, was sie tun, und zwar meist unabhängig von ihren Motiven, die ja recht unterschiedlich sein können. Dem einen geht es vielleicht darum, der Nachwelt etwas zu hinterlassen, was mit seinem Namen verbunden ist. Der andere will die Gesellschaft an einem konkreten Punkt ändern, weil ihm hier etwas besonders am Herzen liegt, weil ihm hier eine besondere Not aufgefallen ist oder weil ihm eine besondere Chance vor Augen steht. Bei einer anderen Rede habe ich mal darüber nachgedacht, ob die Gründung einer Stiftung vereinzelt auch aus Misstrauen gegen die eigenen Erben gespeist werden kann – ich sage nur: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland… Ich finde, das wäre dann auch in Ordnung.  

Stiftungen, das sehen wir auch heute, sind so vielfältig wie Stifter. Und so vielfältig wie unsere Gesellschaft und ihre Themen es sind. In Berlin dienen 93 Prozent der Stiftungen gemeinnützigen Zwecken. Sie sind damit mitten im Leben verwurzelt. Stiftungen bürgerlichen Rechts betreiben hier sieben Krankenhäuser, acht Museen, 18 Schulen und diverse außeruniversitäre Bildungseinrichtungen. Allen Stiftungen gemeinsam, den seelsorgerischen Stiftungen wie den mäzenatischen, den wissenschaftlichen oder den politischen Stiftungen, ist das gesellschaftliche Engagement.  

Wer stiftet, denkt mit, fühlt mit, übernimmt Verantwortung und prägt mit seinem langfristigen Tun auch die Zukunft.  

Sie alle, meine Damen und Herren, engagieren sich, setzen sich ein für Ihren Stiftungszweck. Nun mögen Sie erwarten, dass ich dafür plädiere, dass diese Zwecke immer das Allgemeinwohl im Sinne eines Globalkonsenses in den Fokus nehmen müssen. Ich setze heute mal einen anderen Akzent und richte meinen Blick auf Menschen, die Geld für eine Stiftung in die Hand nehmen wollen, um durchaus auch mal ein besonderes Interesse zu vertreten.  

Unsere Gesellschaft lebt zwar davon, dass sie kompromissfähig ist. Dass sie Unterschiede ausgleicht. Dass sie Gegensätze berücksichtigt und abwägt. Aber es tut uns allen gut, wenn wir bei aller Kompromissfähigkeit erst einmal unseren Schwerpunkt deutlich machen. Und so müssen die Stifter und Stifterinnen nicht zwingend allein das Große und Ganze im Blick haben. Partikularinteressen können und sollen auch gefördert werden. Es bleibt die Freiheit des Stifters, mit seiner Gabe auch die ganz eigenen Vorstellungen vom Gemeinwohl wie auch vom Wünschenswerten in die Gesellschaft einzubringen.  

In einer pluralistischen Gesellschaft tun wir gut daran, den Akt des Stiftens als solchen zu begrüßen, als einen Akt des Eigensinns durchaus, der Möglichkeiten eröffnet und Sinn stiftet – im besten Falle Gemeinsinn. Auch wenn sich manche Stiftungszwecke etwa pro Umweltschutz (oder pro Tierschutz) oder pro Autoverkehr (oder für das Fleischerhandwerk) auf den ersten Blick in die Quere zu kommen scheinen. Doch auch ein derartiger Eigensinn der Stifter stärkt unsere Zivilgesellschaft und verleiht ihr Wachstumsimpulse.  

Es ist ja eine der guten Erfahrungen unserer freiheitlichen Ordnung (und irgendwie auch Berlins), dass man nicht alle Unterschiedlichkeiten ausgleichen muss. Dass die Verschiedenen in ihrer Unterschiedlichkeit zum Gemeinsamen, zum großen Ganzen viel beizutragen haben – jedenfalls dann, wenn sie sich in Beziehung zueinander setzen. Und das tun die Stiftungen. Sie nutzen den Freiraum des Einzelnen, um etwas anzustoßen, das mittelbar Allen hilft. Bei einem Anlass wie heute darf man dafür ruhig auch dankbar sein.  

Ich freue mich sehr darüber, dass im vergangenen Jahrzehnt mehr Stiftungen gegründet worden sind als während des gesamten 20. Jahrhunderts, im Schnitt zwei neue Stiftungen pro Tag. Und in Berlin gab es allein im letzten Jahr 29 Neugründungen! Damit liegt Berlin mit insgesamt 955 Stiftungen auf Platz 3, nach Hamburg (1.430) und München (1.038). Und wenn es so weitergeht, wird Berlin möglicherweise mal wieder, was es vor dem Krieg war: die Hauptstadt der Stiftungen.  

Diese Ambition darf Berlin ruhig mal haben. Etwas anderes kann Berlin durchaus als Kompliment begreifen: Wir sehen, dass heute manche Stifter Berlin auch als Rückzugsort und neue Basis entdecken, weil an anderen Orten, in anderen Gesellschaften die Luft dünn wird für Engagement. Ich denke dabei an den amerikanischen Stifter George Soros. Er hat Anfang dieses Jahres den Sitz seiner Open Society Foundation von Budapest nach Berlin verlegt.  

Wollen wir uns nicht gemeinsam vornehmen, dafür zu arbeiten und wo nötig, zu streiten, dass Berlin und Deutschland immer Raum bieten, an dem Stiftungen und Stifter Luft zum Atmen, zur Initiative haben? Ich finde, das wäre ein lohnendes Vorhaben! Wie Sie wissen komme ich aus einem Land, in dem es nicht erwünscht war, sich als Bürger eigenständig zu engagieren. Diktaturen fördern keine Stiftungen – im Gegenteil. Man macht sich verdächtig, wenn man mitdenkt, sich für seine Mitmenschen engagieren möchte oder auf Problemzonen verweist. Wer einst in der DDR Sozialismus als Diktatur inszenierte, hatte kein Interesse daran, dass Bürger auf Desiderate oder ungelöste Probleme aufmerksam machten oder sich gar eigenmächtig und eigenverantwortlich einmischten.  

Es ist das Privileg der Demokratie, selber zu erkennen, verbesserungsfähig zu sein. In unserer Demokratie wissen wir, dass unser Staat Verbesserungsbedarf hat. Dass er Kritik braucht und Menschen, die ihn besser machen wollen. Und zwar permanent. Und das gelingt nur, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger verantwortlich für ihr Lebensumfeld fühlen. Die Demokratie ermöglicht nicht nur diese verantwortungsvolle Mitwirkung der Bürger. Sie fordert sie auch ein.  

Im Grundgesetz heißt es zum Beispiel in Artikel 14, Absatz 2: "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Eigentum soll also nicht nur zum privaten Vorteil werden, sondern auch dem Gemeinnutz dienen. Das meint nun wiederum keine Verstaatlichungen. Sondern es fordert den Einzelnen auf, sein Eigentum eben: zu nutzen. Diese Sozialpflichtigkeit des Eigentums ist Teil des Sozialstaatsgebotes unserer Verfassung – die im nächsten Monat ihr 70-jähriges Jubiläum feiert. Es kann durchaus als Anleitung zur Einmischung gelesen werden – in den demokratischen Institutionen, in den Parteien, aber auch eigeninitiativ und durchaus auch mit der Artikulation des eigenen Interesses und des eigenen Schwerpunktes.  

Besonders überzeugend finde ich dies immer dann, wenn sich der eigene Schwerpunkt abstrahiert vom eigenen persönlichen Interesse. Bei Stiftungen ist das fast immer der Fall. Wer Geld gibt für ein soziales Projekt, hat vor Augen, dass unsere Demokratie nicht zuletzt vom sozialen Ausgleich lebt. Oder wer die schönen Künste fördert, muss nicht zwingend selber kreativ sein. Aber er wird vielleicht wissen, dass Kunst Menschen herausfordert, inspiriert, stärkt – und die Gesellschaft, in der er als Stifter lebt, aber eben auch als Bürger, damit voranbringt.  

Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat lebt immer auch von der Eigenverantwortung und dem Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger. Es sind dies, um ein berühmtes Wort zu paraphrasieren, Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Die Verantwortung des Einzelnen kann unser Staat nicht unterdrücken, aber auch nicht erzwingen – er würde damit seine Freiheitlichkeit aufgeben und ins Totalitäre, Diktatorische zurückfallen. Arbeitseinsätze in Reih und Glied zu einem Thema, das die Partei vorgibt – die verordnet unser Staat nicht. Unser Staat schafft dem Einzelnen den Freiraum, etwas für sich und andere zu bewirken. Tun muss der Einzelne es dann selbst.  

Wo Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschenwürde noch kein Zuhause haben, wo Menschen aufgrund ihrer Lebensumstände noch nicht zu ihren Möglichkeiten kommen können, dort ist bürgerschaftliches Engagement in besonderer Weise Hoffnung und Motor für ein besseres Morgen.  

Ich will noch auf etwas anderes hinweisen, was bürgerschaftliches Engagement in unserer freien Gesellschaft möglich macht – und eben nur in freien Gesellschaften: Etwas, das zuerst nur Einzelnen wichtig erscheint, wird Schritt für Schritt auch breiteren Kreisen bewusster und schließlich wird es zum Common sense. Haben wir das nicht schon oft gesehen in unserem Land? Manches, was zuerst abseitig erschien oder als naiv, ob Meinungen oder Innovationen, stand später im Zentrum der Debatte oder ist Wirklichkeit geworden. Und nicht wenige dieser Dinge speisen sich aus Stiftergeist. Wikipedia etwa ist nicht nur der Standard für die schnelle, erste Online-Recherche geworden, sondern es fußt auch auf einer Stiftung. Bürgerschaftliches Engagement machte den Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche möglich. Die Bürger waren mutiger und optimistischer, als der Staat es hätte sein können. Auch das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas haben wir bürgerschaftlichem Engagement zu verdanken.  

Und immer wieder haben Bürgerinnen und Bürger Felder erkannt, auf denen es unser Staat mit seinen (sicherlich wichtigen und nötigen) Strukturen an Lebensnähe oder an Sensibilität vermissen ließ. Denken Sie etwa an den Gedanken der Hospizbewegung. Er passte eben in kein Kästchen des Sozialstaates. Also brauchte es Angehörige, die den konkreten Bedarf sahen in einer Frage, die existenzieller doch kaum sein kann. Und so wurden Leben und Sterben in unserer Gesellschaft menschlicher dadurch, dass sich Bürgerinnen und Bürger engagieren, statt auf den Staat zu warten. Das sind nur einige Beispiele, aber sie zeigen erneut die Überlegenheit unserer demokratischen Ordnung.  

Der demokratische Staat fördert Bürgerengagement, es belebt ihn und macht ihn zukunftsfähig. Ich habe jetzt bewusst Beispiele gewählt für Dinge, die Bürgerinnen und Bürger angestoßen haben, in und mit Stiftungen, aber auch einfach so, weil sie sich zuständig fühlen. Stiftungshandeln ist unabhängig vom jeweiligen Zeitgeist, von Wahlterminen oder vom wirtschaftlichen Erfolg. Und entsprechend wichtig ist es, dass die Stiftungen im Austausch und in Kooperation mit anderen Formen bürgerschaftlichen Engagements stehen.  

Nur gemeinsam können zukunftsfähige Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit gefunden werden. 

Eingangs habe ich dazu aufgerufen, auch das Recht des Partikularinteresses anzuerkennen. Eine Bürgerinitiative gegen eine Umgehungsstraße zu gründen, ist jedermanns gutes Recht. Wir müssen nicht Stiftungen gründen, die ganz allgemein und altruistisch das Verkehrswesen fördern. Andererseits sehen wir auch sehr deutlich: Die Bürgergesellschaft, die dieses oder jenes mit Protesten verhindert hat, ist dabei nicht immer nur das Edle und Gute, auch wenn es manchmal so klingt. Sie kann und muss es auch gar nicht sein. Sie ist ebenso vielgestaltig und heterogen wie unsere Gesellschaft insgesamt. Das gehört auch mit zu dem Lob der Bürgergesellschaft. Wir sehen eben auch dort manchmal Aktionen, die getrieben sind von doch recht egoistischem Partikularinteresse.  

Und so bin ich weit davon entfernt, jeden Bürgerprotest gegen etwas Neues oder generell gegen Infrastrukturprojekte zu unterstützen. Vor allem dann nicht, wenn solche Initiativen nur einem Interesse folgen, das etwa lautet: "Ich will meine Ruhe, alles soll so bleiben, wie es ist." Eine Gesellschaft kann nicht alles Neue und zunächst Unbequeme verhindern aus Angst, vor dem Fenster könnten mal Bau-LKWs herrollen, und Eisenbahnlinien oder Stromtrassen müssen zum Teil auch dort errichtet werden, wo Boden in Privatbesitz ist, das Eigeninteresse also mit dem Interesse der Allgemeinheit kollidiert. Deshalb bleibe ich ein Anhänger der repräsentativen Demokratie, in der solche Interessensgegensätze auch sorgfältig abgewogen werden. In einem Rechtsstaat muss nach Anhörungen und Abstimmungen irgendwann auch mal entschieden werden. Nicht allen wird jede Entscheidung immer gefallen können. Aber generell unterstützenswert ist es eben, wenn Menschen mitentscheiden wollen und sich nicht abspeisen lassen, mit dem, was sie aufgetischt bekommen sollen. Gerade in Zeiten, in denen demokratische Institutionen und die Meinungsfreiheit durch populistisches Gerede stark unter Druck geraten sind.  

Unzählige Stiftungen tragen auch dazu bei, dass Menschen Gehör finden mit dem, was ihnen wichtig ist. Dann kann man immer noch anderer Meinung sein, aber man wird erkennen: Es tut unserer Demokratie gut, wenn sie wache Bürger hat, wenn alle Sichtweisen zur Sprache kommen, wenn Missstände angesprochen werden. Wenn nicht nur die Mächtigen hörbar sind und nicht nur die PR-Abteilungen großer Konzerne öffentliche Aufmerksamkeit erzielen.  

Noch etwas wünsche ich mir von unseren Stiftungen. Sie dürfen und sollen mehr wagen als der Staat es kann. Bitte, tun Sie es auch. Wir freuen uns ja über jede Stiftung, die kontinuierlich Gutes bewirkt, seit Jahrzehnten verlässlich arbeitet und Menschen Vertrauen gibt. Aus Stiftungskapital darf aber ruhig mal etwas Risikokapital werden. Es darf auch mal etwas angestoßen und ausprobiert werden, ohne schon vorher zu fragen, ob das am Ende überhaupt schon glasklar vor Augen steht. Experimente sind erlaubt, und manchmal sind sie auch nötig. In einem so gut organisierten Land wie der Bundesrepublik mit ihrem durchdachten Sozialstaat allemal. Die Stifterin Jenny de la Torre-Castro etwa kümmert sich um obdachlose Menschen, die durch alle Raster des Sozialstaates fallen. Es ist auch eine Rolle für Stiftungen, manches zu hinterfragen und wo notwendig, Konflikte auszuhalten. Auch hier gilt: Konsens ist gut, aber nicht auf jedem Feld muss der Konsens schon ständig vorweggenommen werden.  

Wenn Sie ein Feld erkennen, das Sie beackern wollen, weil Sie es für nötig halten, dann gehen Sie Konflikte ruhig auch einmal ein, um diesen Freiraum zu erhalten. Das, was immer uneingeschränkt für alle gelten muss, beschreibt unser Grundgesetz. Jenseits dessen gibt es viel Freiraum für Initiative und Impulse, auch für Versuche und Fehler. Und diesen Freiraum sollten auch Stiftungen kräftig nutzen. 

Sehr geehrte Damen und Herren,

lassen Sie mich noch einmal auf die anfangs erwähnte Fürst Donnersmarck-Stiftung zurückkommen. Hier wurde von einem der vermögendsten Männer im Kaiserreich Verantwortung übernommen für Menschen, die am Rand der Gesellschaft standen, Menschen, die der Krieg versehrt hatte, Menschen, die ihr Leben mit Einschränkungen weiter meistern mussten. Seine Leistung bestand darin, diese Menschen in die Selbständigkeit zu entlassen. Hat der Fürst von Donnersmarck diese Initiative überhaupt mit der Gesellschaft abgestimmt? Menschen zu einem eigenständigen Leben nach ihrem je eigenen Willen zu befähigen, das ist in unserer Geschichte ja schon oft auf Misstrauen gestoßen... 

Nein, er hat es nicht abgestimmt, er hat es gemacht. Und genau das ist auch heute noch Ziel dieser Stiftung, unter ganz anderen Bedingungen natürlich, aber eben noch lange nicht erledigt. Nie wird alles erledigt, abgearbeitet oder erlangt sein, was idealerweise zu wünschen ist. Immer werden wir so sensibel sein müssen, zu merken: "Es ist noch viel zu tun". Deshalb brauchen wir Impulse durch Einzelne, wie die Aktivierung durch gesellschaftliche Netzwerke, durch vermögende Stifter und durch Stiftungen von Bürgern für Bürger. Ihr Vermögen kommt nicht allein in harter Währung daher, sondern auch in Form von Zeit, Zuwendung, von Ideenreichtum. Diese Art von gesellschaftlichem Reichtum können Stiftungen in ganz besonderer Weise hervorbringen.  

Sie können, was die Politik nicht immer kann und vielleicht auch nicht immer muss: Sie ermutigen die Menschen und binden sie ein – davon zeugt die große Vielfalt und die stetig wachsende Zahl der Stiftungen, und hier nehme ich auch die Aktiven in Vereinen, Bürgerinitiativen und anderen Non-Profit-Organisationen hinzu. Es ist an uns, unser Vermögen auch für andere einzusetzen. Und das kann nicht nur der, der über materielle Reichtümer verfügt.

Machen Sie so weiter – stiften Sie an.

Wecken Sie die Potenziale, Gutes zu tun.

Viele Menschen in Deutschland warten eigentlich nur darauf, dass sie angestiftet werden.