Bundespräsident a.D. Joachim Gauck

Laudatio Irina Scherbakowa

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Bundespräsident a.D. Joachim Gauck beim Fest der Demokratie auf dem Hambacher Schloss

©Sousa

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck beim Fest der Demokratie auf dem Hambacher Schloss

Laudatio auf Irina Scherbakowa

24. Mai 2024, Neustadt an der Weinstraße

Es gilt das gesprochene Wort!

Zum zweiten Mal wird heute der Hambacher Freiheitspreis vergeben - benannt nach jenem großen Volksfest 1832 hier auf dem Hambacher Schloss, wo Zehntausende Bürger Einheit, Freiheit und Demokratie forderten. Es war die Zeit der großen nationalen und liberalen Aufbrüche, nicht nur in Deutschland, sondern auch in unseren Nachbarländern. Die Polen wurden hier nach der Niederschlagung des Novemberaufstands 1831 gegen die russische Fremdherrschaft begeistert empfangen: „Für Eure und unsere Freiheit!“ Und das Schloss hisste neben der schwarz-rot-goldenen „deutschen“ Fahne auch die weiß-rote polnische Fahne.

An diese europäische Freiheitstradition knüpfen wir heute wieder an. Die Solidarität, die einst den polnischen Bürgern gegen eine russische Besatzungsmacht galt, gilt heute den russischen Bürgern gegen die autoritäre Herrschaft in ihrem eigenen Land. Und so ehren wir Irina Scherbakowa als Menschenrechtsaktivistin und als großartige Vertreterin der Freiheitsbewegung in ihrem Land, weil wir wissen: Erst, wenn in Russland Freiheit und Demokratie errungen sind, brauchen Deutsche, Polen, Russen und andere Europäer, um die Freiheit und den Frieden des Kontinents nicht zu fürchten. Auch heute gilt: „Für Eure und für unsere Freiheit!“

Ich sage aber auch ganz offen: Ich hätte mir andere Umstände für diese Feierstunde gewünscht. Ich hätte mir gewünscht, dass Sie, liebe Frau Scherbakowa, problemlos aus Moskau hätten anreisen und nach dem Festakt problemlos nach Moskau hätten zurückkehren können. Ich hätte mir gewünscht, dass Sie nicht ins Exil gezwungen worden wären, weil ein Despot Sie in Ihrem Land zur Volksfeindin erklärt hat. Auf der anderen Seite bekenne ich allerdings ebenfalls ganz offen: Ich bin froh, dass die Menschenrechtsorganisation Memorial auch nach ihrer Liquidierung aktiv bleibt und sich außerhalb Russlands neu gegründet hat. Und ich bin froh, so kundige und mutige Mitstreiterinnen und Mitstreiter wie Sie, Frau Scherbakowa, hier in Deutschland an unserer Seite zu wissen. Denn sie machen sich längst keine Illusionen mehr über Putins menschenverachtendes Regime und seine imperialen Ambitionen.

Ihr Widerstand gegen die Unterdrückung von Menschenrechten in Ihrem Land reicht weit zurück. Seit ihrer Gründung Ende der 1980er Jahre waren Sie Mitglied von „Memorial“, der ältesten unabhängigen Menschenrechtsorganisation in der Sowjetunion. Sie erlebten deren Hochzeiten Anfang der 1990er Jahre, recht bald aber auch deren schwierige Zeiten, als die „Inseln der Freiheit“ mehr und mehr zusammenschrumpften und die Organisation Ende 2021 schließlich endgültig verboten wurde – „liquidiert“, wie es hieß, zwei Monate vor Beginn der Invasion in die Ukraine. Putin brauchte offenkundig Ruhe im Innern, um seine Aggression nach außen durchführen zu können.

Sie, Frau Scherbakowa, wollten sich über lange Jahre nicht entmutigen lassen. Sie haben immer wieder auf bessere Zeiten hoffen wollen und auf keinen Fall außer Landes gehen. Moskau war und ist ihre Heimat. Mit russischer Literatur sind Sie groß geworden, zahlreiche russischsprachige Schriftsteller und Intellektuelle verkehrten in Ihrem Elternhaus. Erst angesichts Putins umfassendem Krieg gegen die Ukraine wurde Ihre Belastungsgrenze erreicht. Sie fühlten „Verzweiflung, Zorn und Wut“, weil es Ihnen unmöglich erschien, noch etwas bewirken zu können. Ihrer Arbeit war der Boden entzogen.

Aufzuklären, aus der Geschichte zu lernen und jene zu warnen, die keine eigene Erinnerung an den Sowjetterror besitzen – das war früh ein Hauptmotiv für Ihr politisches Engagement. Hier traten Sie in die Fußstapfen Ihres Vaters. Obwohl er im Zweiten Weltkrieg Kriegsinvalide geworden war, schloss er sich dem offiziellen Bild von Deutschland als ewigem Feind nicht an, sondern suchte Kontakte zu deutschen Schriftstellern wie Franz Fühmann und Heinrich Böll. (Für Sie war es daher nicht so abwegig wie für die meisten Sowjetbürger, ein Germanistikstudium aufzunehmen.) Und als die Themen Gulag und Krieg selbst nach der Entstalinisierung von 1956 tabu blieben, versuchte Ihr Vater als Redakteur einer Literaturzeitschrift immer wieder, Texte über die traumatischen Erfahrungen abzudrucken. Das „Streben nach der Wahrheit und die Suche nach Möglichkeiten, sie aufzudecken – so schrieben Sie in Ihrer Familiengeschichte „Die Hände meines Vaters“ - wurden zum wichtigsten Ziel im Leben meines Vaters und vieler seiner Freunde.“

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck bei der Preisverleihung mit dem Oberbürgermeister von Neustadt an der Weinstraße, Marc Weigel, Irina Scherbakowa und Staatssekretärin Simone Schneider (v.li.)

©Sousa

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck bei der Preisverleihung mit dem Oberbürgermeister von Neustadt an der Weinstraße Marc Weigel, Irina Scherbakowa und Staatssekretärin Simone Schneider (v.li.)

Sie selbst begannen schon Ende der 1970er Jahre, die Erinnerungen ehemaliger Gulag-Insassen auf Tonband festzuhalten. Zwanzig Jahre später riefen Sie in Memorial gemeinsam mit dem Seelenverwandten Arseni Roginski den Geschichtswettbewerb „Ein Mensch in der Geschichte. Russland – das 20. Jahrhundert“ ins Leben. Dieser Geschichtswettbewerb ist und bleibt Ihr großes Verdienst. Verdrängtes und Verschwiegenes fand seinen Weg ins Licht. Wenn die Menschen erst die Wahrheit über die kommunistischen Verbrechen erfahren, so die große Hoffnung damals, wenn die junge Generation erfährt, wie es wirklich war, dann würde sie gegen neue Verführungen von Diktatoren gefeit sein. Und die Anfangszeit schien erfolgversprechend: Säckeweise wurden Arbeiten aus dem ganzen großen Land zu den Wettbewerben eingereicht. Es entstanden Gedenkstätten unter großer Anteilnahme der Bevölkerung.

Inzwischen mussten Sie aber eingestehen: Sie haben sich geirrt. Die Schülerarbeiten offenbarten auch früh, wie sich unter Putin eine Sowjetnostalgie breit machte und eine neue nationalistische Geschichtsklitterung mit neo-imperialem Denken einzog. Bildung und Aufklärung konnten offenkundig nicht verhindern, dass Menschen erneut bereit waren, sich anzupassen und einer Obrigkeit unterzuordnen. Bis heute, sagen Sie, liebe Frau Scherbakowa, und trotz des Krieges gegen die Ukraine täten sich Menschen in Russland schwer damit anzuerkennen, „dass der Staat verbrecherisch ist, zu Stalins Zeit wie auch heute.“

Ich bin Ihnen, liebe Frau Scherbakowa, für Ihre eindeutigen Haltungen sehr dankbar. Ihre unbedingte Solidarität galt der überfallenen Ukraine vom ersten Augenblick der russischen Aggression an - nicht zuletzt wegen ihrer familiären Verbundenheit. Es sei ein Zufall, sagten Sie, dass Sie nicht in Kyjiw geboren wurden. Die Großeltern mütterlicherseits studierten in Kiev; der Vater wuchs in Charkiv auf; die Urgroßmutter väterlicherseits wurde als eine von 11 000 Juden unter deutscher Besatzung in der ukrainischen Stadt Dnepropetrowsk (heute: Dnipro) ermordet. Aber ihre Solidarität mit der kämpfenden Ukraine ergibt sich auch aus realpolitischen Gründen. Denn Sie sind überzeugt: Damit sich auch in Russland etwas ändert, muss die Ukraine den Krieg gewinnen. Mit Friedensbeschwörungen wird Putin nicht zu stoppen sein. Manchmal kann man den Frieden nur erzwingen, sagten Sie, „wenn man den Feind militärisch stoppt.“

Diese einfachen Wahrheiten sind in Deutschland längst noch kein Allgemeingut. Wenn Sie im Exil noch etwas machen könnten, so erläuterten Sie deshalb in einem Interview, „dann, dass ich auch in Deutschland erkläre, was Putins Russland bedeutet. Denn die Menschen in Deutschland haben in Bezug auf Putin, auf Russland, auf den Krieg noch viele Illusionen.“ Ja, Frau Scherbakowa, wir brauchen Sie und Ihren wachen und schonungslosen Blick. Wir dürfen in Deutschland die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass auch die Freiheit des westlichen Europas bedroht ist, wenn dem kriegslüsternen Putin kein Einhalt geboten wird.

Den liberalen Freiheitskämpfern im 19. Jahrhundert war es geläufig, auch hier auf dem Hambacher Schloss: Der Kampf für Frieden und Freiheit geht nur gemeinsam. Heute muss es in Deutschland erst wieder selbstverständlich werden: „Für Eure und unsere Freiheit!“ Wir brauchen Ihre Zuversicht, liebe Frau Scherbakowa, dass ein Ende von Gewalt und Krieg möglich sind, wenn wir uns ihren Ursachen stellen und auf Abhilfe sinnen. Ich danke Ihnen für die Ermutigung in entmutigenden Zeiten und gratuliere Ihnen ganz herzlich zum Hambacher Freiheitspreis!