Bundespräsident a.D. Joachim Gauck

Verleihung des Internationalen Brücke-Preises

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©Verein zur Förderung des Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz/Zgorzelec e. V.

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck bei seiner Dankesrede

Verleihung des Internationalen Brücke-Preises

09. Februar 2026

Dankesrede von Bundespräsident a.D. Joachim Gauck

 

Bevor ich über meine eigene Freude spreche, heute hier in Görlitz den Brücke-Preis entgegennehmen zu dürfen, möchte ich an Rita Süßmuth erinnern, die vor wenigen Tagen verstorben ist. Sie hat beharrlich und mit großer innerer Überzeugung Brücken zwischen Deutschland und Polen gebaut – mit Respekt, mit Offenheit und mit einem tiefen Glauben an die Kraft des Dialogs. Ihr Beispiel begleitet uns am heutigen Abend – und es erinnert an den Geist der Versöhnung und der europäischen Verbundenheit zwischen Deutschland und Polen.

Lieber Herr Professor Xylander, voller Dankbarkeit nehme ich den Brücke-Preis entgegen. Ich freue mich sehr darüber, auch angesichts der bewunderungswürdigen Menschen, die bereits geehrt worden sind.

Brücken bauen - ist das nach über drei Jahrzehnten überhaupt noch ein Thema, fragte ich mich. Besonders in dieser Stadt, einer Europastadt, die zweigeteilt, aber durch Brücken und sogar eine Fußgängerbrücke verbunden ist? Wo Menschen zum Arbeiten und Einkaufen jeden Tag von der einen Seite auf die andere pendeln? Wo Touristen auch in Zgorzelec übernachten, wenn sie die Altstadt von Görlitz besuchen wollen? Und wo sich auf polnischer Seite eine Gedenk- und Begegnungsstätte auf dem Gelände eines Kriegsgefangenenlagers der deutschen Wehrmacht während des 2. Weltkrieg befindet?

Ich dachte, die Losungen der 1990er Jahre, Brücken zu bauen und Trennendes zu überwinden, sei längst durch die Realität überholt - und war dann umso erstaunter, als ich las, dass nun, 36 Jahre nach der Wiedervereinigung des Kontinents, nicht einmal ein Drittel der Polen eine positive Haltung gegenüber Deutschland einnimmt. Und dass etwa sieben von zehn Polen meinen, Deutschland sei seiner Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg nicht ausreichend nachgekommen. Fachleute warnten vor einer weiteren „Abwärtsspirale“ in den Beziehungen. Der polnische Staatspräsident erklärte jüngst sogar, sein Land sei zur Verteidigung der Westgrenze bereit.

Wie kann das denn sein? fragte ich mich. Es gibt doch nicht den geringsten deutschen Revisionismus. Es gibt belastbare Verträge über die Grenze und über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Polen und Deutsche sind wirtschaftlich eng miteinander verzahnt, erleben sich gegenseitig auf der Arbeit, im Urlaub, im Studium, sind Mitglieder in denselben europäischen Bündnissen, Schicksalsgenossen gegen ein imperiales Russland. Ja, wie kann das denn sein?

Als ich mich dann umhörte, erfuhr ich allerdings von andauernden Spannungen, über die in der deutschen Öffentlichkeit vielleicht nicht hinreichend berichtet wird.  Viele Polen fühlen sich von Deutschland nach wie vor geringgeschätzt, arrogant übergangen, oder ganz einfach ignoriert. Einerseits in der aktuellen Politik, wenn Berlin etwa bei Konsultationen mit Franzosen und Engländern nur selten einen Polen hinzuholt. Mehr aber noch beim Umgang mit der Vergangenheit. Polen warten weiterhin auf eine angemessene Entschädigung für die erlittenen Verluste im Zweiten Weltkrieg, auch auf ein Zeichen des Entgegenkommens, auf eine Geste des guten Willens, auf Empathie. Mögen die rechtlichen Ansprüche auch erledigt sein, sagte Ministerpräsident Tusk im Februar 2024 in Berlin, so sei die moralische und materielle Wiedergutmachung aber bisher ausgeblieben.

Auf deutscher Seite bewegt sich seit Jahren allerdings wenig. Polen hören die immer gleiche trockene, juristische Antwort, wonach die Fragen der Entschädigung seit dem polnischen Verzicht 1953 und den 2 + 4 Vertrag von 1990 geklärt seien. Im Übrigen stoßen sie nach wie vor auf viel Unkenntnis, Gleichgültigkeit, auch auf Verschleppungstaktik - etwa bei der Errichtung eines Denkmals für die polnischen Opfer des Hitler-Regimes. Sie spüren einen verbreiteten genervten Unwillen: Kann die Vergangenheit nicht endlich einmal ruhen? Müssen wir uns nicht auf die Zukunft konzentrieren?

Als ich mich bei Freunden auf deutscher, wie auf polnischer Seite nach dem Stand der deutsch-polnischen Beziehungen erkundigte, spürte ich schnell, dass sie – hüben wie drüben - des Konflikts überdrüssig sind. Dass sie müde sind. Erschöpft. Wie lange kann man erfolglos an einer Front aktiv sein? Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems 1989 haben sie sich mit großer Verve in die Debatten gestürzt. Der Austausch war oft heftig, hitzig, kontrovers, aber auch fruchtbar aufgrund neuer Erkenntnisse. Ich durfte damals Wladyslaw Bartoszewski kennenlernen, der – sachkundig und streitlustig - allen Brückenbauern ein Vorbild sein dürfte.

Damals spürte ich, dass sich unsere Gesellschaften aufeinander zubewegten. Viele Deutsche machten sich erstmals das Ausmaß polnischen Leidens im Zweiten Weltkrieg bewusst; viele Polen zeigten die Bereitschaft, das Stereotyp vom Deutschen als ewigem Feind durch ein differenziertes Bild des Nachbarn zu ersetzen. Diese – sagen wir: aufklärerische – Phase wurde allerdings durch die konfrontative Politik beendet, wie sie mit den nationalpopulistischen Regierungen in Polen schon in den 2010er Jahren wieder einsetzte. Das Misstrauen gegenüber Deutschland gewann wieder die Oberhand. Und in Deutschland breitete sich wieder das Desinteresse aus. Die unverhältnismäßigen Reparationsforderungen, wie sie seit einigen Jahren von polnischen Nationalpopulisten erhoben werden, haben die Kluft noch vertieft.

Diese Situation, meine Damen und Herren, finde ich nicht nur besorgniserregend, weil ich generell für eine gute und friedliche Nachbarschaft werbe. Sie muss uns alle ängstigen aufgrund der geopolitischen Situation, in der wir uns gerade heute in Europa wiederfinden. Wir dürfen nicht dulden, dass offene Wunden aus der Vergangenheit jene Zusammenarbeit behindern, die wir im Interesse der Zukunft so sehr brauchen. Wir dürfen uns die gemeinsamen Chancen zur Verteidigung unserer Souveränität und Demokratie nicht verbauen. Es steht viel auf dem Spiel.

Ich gestehe, dass ich mir den Wandel der Weltordnung, wie er sich augenblicklich in atemberaubendem Tempo vollzieht, nicht habe vorstellen können. Die regelbasierte Ordnung wird aufgekündigt, die multinationalen Institutionen werden ausgehöhlt, das Völkerrecht hat keine starken Anwälte mehr und erst recht keine Truppen, die es schützen würden. Gewalt tritt mehr und mehr an die Stelle des Rechts, militärische Gewalt dient einer Neuaufteilung der Welt nach Einflusssphären. Seit 2014, als Putin die Krim besetzte, betreibt der Kreml offen und offensiv eine neoimperiale Politik. Dass die sogenannte „Sammlung russischer Erde“, (wie diese Expansionspolitik seit Iwan III. heißt) keineswegs mit der Ukraine endet, hat Polen in seiner Geschichte mehrfach schmerzhaft erfahren. Gleichzeitig ist Amerika kein verlässlicher Bündnispartner mehr. Mit ebenfalls imperialen Ambitionen schreckt Trump nicht ein einmal davor zurück, seine Macht auf Kosten von Verbündeten zu vergrößern. Nach Venezuela zählen auch Grönland und Kanada zu den Objekten seiner Begierde. Es dürfte zudem nur eine Frage der Zeit sein, wann China diese günstige internationale Konstellation ausnutzen und einen Angriff auf Taiwan starten wird.

All diese Entwicklungen haben mich alarmiert. Über Putins imperiale Ambitionen hatte ich mir schon lange keine Illusionen mehr gemacht. Auch nicht über seine brutalen, menschenverachtenden Methoden. Aber Amerikas Weg hat mich tief enttäuscht. 1989 zählte ich zu jenen Mittel- und Osteuropäern, die sich am Ziel ihrer Sehnsucht sahen. Ich war in der Freiheit angekommen. Amerika war Vorbild und Ansporn. Nie wäre mir damals in den Sinn gekommen, in diesem Land, das sich in seiner Verfassung emphatisch auf Gerechtigkeit und Freiheit bezieht, könnte ein Präsident an die Macht kommen, dessen Regierungsstil absolutistisch wirkt, so dass viele seiner Landsleute mit ihrem Slogan „No Kings“ vor einem Präsidenten warnen, der wie ein König erklärt: Das Gesetz bin ich. Nie hätte ich geglaubt, dass eine amerikanische Regierung, deren entschiedene Haltung den Niedergang des Kommunismus beschleunigt hatte, sich mit einer russisch-imperialen Regierung partiell gemein machen würde. Nie, dass ein amerikanischer Präsident das Bündnis des Westens in Frage stellt, in militärischer, politischer und ganz grundlegend in normativer Hinsicht: die Menschenrechte und den Rechtsstaat. Auch nicht, dass ein amerikanischer Präsident Grundrechte seiner politischen Gegner missachtet.

Wir befinden uns auf stürmischer See. Ich weiß nicht, wo genau wir uns in der epochalen geopolitischen Transformation befinden. Ich weiß aber: Die Lage für Europa ist schwierig. Die Europäische Union spielt auf weltpolitischer Bühne oft nur noch die Rolle des Beobachters und Kommentators. Wir zahlen jetzt dafür, dass wir viel zu lange weggeschaut oder uns die Realität schöngeredet haben. Das sage ich ganz besonders in Bezug auf mein Land Deutschland. Deutschland, aber auch Europa, war behäbig, bequem und selbstgerecht geworden.

Erst die Erschütterungen durch den Ukrainekrieg und der erneute Amtsantritt von Donald Trump haben uns auf dem Boden der Tatsachen zurückgeholt. Wir sind aufgewacht. Nun fragt sich, ob wir auch bereit und fähig sind, den Schrecken in Tatkraft umzusetzen: In strategische Pläne zu einer notfalls eigenständigen Verteidigung gegen imperiale Bedrohungen. In systematische Anpassung der Wirtschaft im Zeitalter der künstlichen Intelligenz. In überzeugende Abwehr autoritärer Angriffe auf die Demokratie in den westlichen Ländern. Wir sind noch stark damit beschäftigt, den Wandel zu denken. Wir müssen ihn aber auch wirklich wollen. Denn nicht allein die wirtschaftliche und politische Stärke entscheidet letztlich über die Bedeutung eines Players, sondern wesentlich auch seine Bereitschaft zur politischen Entschlossenheit - zum Handeln. Die Ukraine beweist es. Wer ein Ziel vor Augen hat, entwickelt neue Phantasien und neue Kräfte.

Wir sollten uns bewusst machen: Mag die Lage Europas auch schwierig sein, so hat das vereinte Europa durchaus auch Potenziale; denken wir nur an unseren Binnenmarkt mit 500 Millionen Konsumenten. Der kanadische Premierminister Mark Carney hat es in unlängst Davos gesagt: Wir dürfen uns nicht länger nur auf die Kraft unserer Werte verlassen. Wir müssen auch den Wert unserer Macht erkennen.

Allerdings wird keine Macht im Konflikt mit einer Großmacht ausreichen, wenn sie sich nur auf einen Nationalstaat stützt. Deshalb steht für mich fest: Europa ist zum Erfolg verdammt!

Wir brauchen die Europäische Union! Allerdings eine reformierte Union, die sich nicht durch das Veto einzelner Staaten immer wieder selbst blockiert, die noch allzu häufig nur zu mittelmäßigen oder schlechten Kompromissen findet oder entgegen jedem realpolitischen Verstand nationalstaatlichen Eigenwegen Rechnung tragen muss. Wir brauchen auch eine Koalition der Willigen, die schnell und zügig und robust reagiert, auch mit Partnern außerhalb Europas agiert und die Potenziale der einzelnen Länder optimal ausschöpft. Wir brauchen eine Zusammenarbeit der Mittelmächte, die Prinzipientreue mit Pragmatismus zu verbinden versteht – eben: einen effektiven wertebasierten Realismus.

Und hier kehre ich zu dem bilateralen Verhältnis Deutschland – Polen zurück.

Die bilateralen deutsch-polnischen Beziehungen haben angesichts der geopolitischen Situation eine existentielle Dimension gewonnen – Polen bildet die Frontlinie gegenüber dem imperialen Russland. Die polnische Ostgrenze ist – so hat es einst Janusz Reiter gesagt - Deutschlands erste Verteidigungslinie. Eine Verständigung zwischen beiden Ländern ist daher eine Frage von existentieller Bedeutung – für Polen, Deutschland und Europa.

Dies sollten wir uns bewusst machen, wenn wir uns noch einmal den Problemen aus der Vergangenheit zuwenden. Wir können aus dem Gefühl politischer Verantwortung heraus nicht zulassen, dass Groll aus der Vergangenheit ein gemeinsames Vorgehen in Gegenwart und Zukunft verhindert. Auch wenn es Anstrengung kostet, für einige sogar Überwindung: Lasst uns einander zuwenden, einander zuhören, lasst uns streiten, ehrlich Argumente und Gefühle austauschen, lasst uns den Erwartungen beider Seiten möglichst weit Rechnung tragen. Aber lasst uns im Bewusstsein handeln, dass wir, um eine gemeinsame Zukunft zu sichern, die Probleme aus der Vergangenheit ausräumen müssen.

Von polnischer Seite wurden vor Kurzem in Berlin Vorschläge unterbreitet, mit denen wir uns in Deutschland ernsthaft auseinandersetzen sollten, unter anderem: Wiedergutmachung für überlebende Opfer, Zwangsarbeiter und polnische Gefangene; Beschleunigung bei der Errichtung eines Denkmals für die polnischen Kriegsopfer; materielle Unterstützung beim Ausbau der polnischen Infrastruktur zur Verteidigung.

Wladyslaw Bartoszewski hat einst gesagt:

„Unsere Nachbarschaft wird im hohen Maße darüber entscheiden, ob und wann das geteilte Europa zusammenwachsen wird‟ 

Heute möchte ich sagen: Unsere Nachbarschaft wird im hohen Maße darüber entscheiden, ob sich Europa gegen seine Feinde verteidigen kann.

Mein kleiner Beitrag ist die Spende und Verdopplung des Preisgeldes an die polnische zivilgesellschaftliche Aktion „Wärme für Kyjiw“.

Ich danke Ihnen!