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Bundespräsident a.D. Joachim Gauck im Gespräch - ARCHIVBILD
Interview in der Welt am Sonntag
28. Juni 2026
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hat der Zeitung Welt am Sonntag ein Interview gegeben, das bundesweit erschienen ist.
WELT AM SONNTAG: Herr Bundespräsident, der lang ersehnte Bericht der Rentenkommission wurde diese Woche veröffentlicht. Sollte die schwarz-rote Koalition die Vorschläge umsetzen, könnte die Rentenreform einen Wendepunkt für die Bundesregierung darstellen? Schafft sie es doch noch, das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates wiederherzustellen?
JOACHIM GAUCK: Ja, das wollen wir hoffen! Das Land wartet dringend auf Entschlossenheit. Krisenszenarien beschreiben können wir hervorragend. Jetzt muss gehandelt werden. Dann könnte es auch einen Stimmungsumschwung geben. Das Problem ist: Jede echte Reform bringt Zumutungen mit sich. Wir brauchen eine politische Führung, die die Kraft aufbringt, der Bevölkerung zu erklären, warum wir diese Zumutungen akzeptieren müssen. Die Parteien dürfen am Ende nicht wieder vor den eigenen Bedenken kapitulieren.
WAMS: Im September stehen wichtige Landtagswahlen an. Schlägt sich die Reform bis dahin in Wählerstimmen für CDU und SPD nieder?
GAUCK: Ich hoffe es zwar, aber in den vergangenen Jahren haben sich feste Milieus herausgebildet, die sich in einer gewissen Fremdheit gegenüber unserem Staat und der liberal geprägten offenen Gesellschaft eingerichtet haben. Ein Teil der Wähler fürchtet sich vor dem tatsächlich rasanten Wandel der technologischen und der politischen Moderne. Diese Menschen wollen in ihrer Ängstlichkeit entweder zurück in eine vermeintlich sichere Vergangenheit - das bedienen die Populisten -, oder sie wollen aus purer Destruktivität die totale Disruption, also alles Bestehende zertrümmern. Abgesehen davon ist das Fehlen von stringenter Führung, gerade in Zeiten allgemeiner Verunsicherung, ein Grund für die Abwendung zahlreicher Wähler von den Parteien der demokratischen Mitte.
WAMS: Wie groß schätzen Sie dieses Potenzial ein?
GAUCK: Der Blick über Deutschland hinaus zeigt leider, dass uns gegenwärtig - und wohl auch in der näheren Zukunft - etwa ein Drittel der Wählerschaft für den demokratischen Konsens verloren geht. Wer seine Stimme der AfD gibt, wählt zu großen Teilen den reinen Protest. Eine echte Zukunftsaussicht sehe ich dort überhaupt nicht. Denken Sie nur an die Vorstellungen in der Bildungspolitik. Aber selbst wenn die AfD eine Alleinregierung bilden sollte: Beim konkreten Gestalten wird sie an ökonomische und rechtliche Grenzen stoßen.
WAMS: Hat die Bundesregierung bei der Migration durch ihr härteres Durchgreifen Vertrauen zurückgeholt?
GAUCK: Unser Innenminister hat deutliche Signale der Entschlossenheit gesendet. Manches davon war juristisch oder europarechtlich riskant. Aber politisch erscheint es mir folgerichtig. Er wollte der Bevölkerung signalisieren: „Ich habe verstanden, dass ihr hier ein massives Problem seht, und ich handle jetzt."
WAMS: Reicht das aus, um die Grundstimmung im Land zu drehen?
GAUCK: Noch nicht. Aber offene Gesellschaft und stringente Führung sind kein Widerspruch! Viele Regierungsvertreter hatten sich einen Habitus des Abwartens und des Verwaltens angewöhnt, weil sie nicht durch Risikobereitschaft auffallen wollten. Dieses administrative Vor-sich-hin-Regieren zerstört Vertrauen, es eröffnet kein positives Bild von Zukunft. Der Schaden geht ans Kernholz der Demokratie. Deshalb kann ich nur hoffen, dass diese Koalition nicht so endet wie die vorige.
WAMS: Sie fordern, dass eine Regierung führen muss ...
GAUCK: ... erst das Land, dann die Partei. Ein alter Spruch, den man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen sollte. Gerade jungen Politikern, die oft von visionären Idealen getrieben sind, fehlt manchmal der Realismus. Da wünsche ich mir den Typus Franz Müntefering, der sagt: „Jetzt schauen wir uns erst mal die Wirklichkeit an und dann eure Wünsche." Wenn die Wirtschaft wegbricht, können wir uns etwa den Sozialstaat in der heutigen Form nicht mehr leisten. Ohne funktionierende Wirtschaft geht es nicht.
WAMS: Kann in so einer Phase ein emotionales, gemeinsames Ereignis helfen - etwa ein neues Fußball-WM-Sommermärchen?
GAUCK: Selbstverständlich. Wenn die Menschen dann Impulse empfangen, die ihnen zeigen: „Mensch, wir können ja was", dann wächst das Selbstvertrauen und auch das Zutrauen in die Fähigkeiten anderer. Wir dürfen das Scheitern nicht permanent besingen und beklagen, wir müssen wieder ans Gelingen glauben.
WAMS: Ein Thema, das Zukunftsängste auslöst, ist der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz. Nutzen Sie selbst eigentlich KI?
GAUCK: Meine Berührungspunkte sind begrenzt - dafür bin ich schlicht zu alt und fühle mich nicht zuständig. Ich fühle mich aber zuständig, wenn es um die Psychen der Menschen geht, die dieser neuen Technologie nur mit Ängsten begegnen. Wir wollen einerseits keine neuen quasi-feudalen Machtstrukturen, wie sie sich einige der Tech-Oligarchen vorstellen. Aber wenn wir einer so mächtigen Technologie ausschließlich mit Vorbehalten und Ablehnung begegnen, dann ist der Tod im Topf, wir würden unsere Gestaltungsmacht aufgeben.
WAMS: Schauen wir in das Land der prägendsten technischen Innovationen, die USA. Den amtierenden Präsidenten Donald Trump kritisieren Sie immer wieder scharf, obwohl oder gerade weil Sie an der transatlantischen Freundschaft hängen?
GAUCK: Es ist eine unglaublich traurige Entwicklung. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben uns die USA vermittelt, was Völkerrecht und eine verlässliche Wertegemeinschaft bedeuten - zumindest im Westen Deutschlands. Und nun erleben wir einen US-Präsidenten, der genau diese Bezugspunkte verlässt und stattdessen die Kategorie der bloßen Macht und des Deals zum Prinzip erhebt. Das ist ein zutiefst unamerikanischer Präsident und ein massiver zivilisatorischer Rückschritt.
WAMS: Wie soll Europa, wie soll Deutschland darauf reagieren?
GAUCK: Unsere Politiker müssen eine schwierige Mixtur aus Entschlossenheit und Duldsamkeit finden. Wir müssen das nationale und europäische Interesse wahren und den Verbündeten trotz allem im Boot halten. Bundeskanzler Merz hatte zumindest anfangs ein ganz gutes Händchen. Als Typ traue ich ihm zu, mit Trump umzugehen, so schwer das auch ist.
WAMS: Zeigt die Krise nicht auch die dramatische Schwäche Europas?
GAUCK: Natürlich. Es gab in Europa die große Bequemlichkeit, nicht zu viel in die eigene Sicherheit investieren zu wollen - weil man sich auf den großen Hüter von Freiheit und Recht verlassen und die realen Bedrohungen ausgeblendet hatte. Wenn dieser Hüter nun aussteigt, stehen wir in einer existenziellen Krise. Wir müssen uns also neu aufstellen. Bundeskanzler Scholz hielt zwar zu Beginn der russischen Vollinvasion die bekannte „Zeitenwende"-Rede, aber den Worten folgten zu wenig Taten. Inzwischen ertüchtigen wir uns militärisch. Dass einige Deutsche dennoch jede Wehrhaftigkeit gegenüber einem imperialistischen Russland ablehnen und glauben, durch "lieb gucken" geschützt zu sein, ist reiner Eskapismus, wenn nicht gar Feigheit.
WAMS: Schauen wir auf die bevorstehenden Landtagswahlen im Herbst in Deutschland. Weshalb unterscheidet sich das Wahlverhalten links- und rechtsaußen in den ostdeutschen Bundesländern so deutlich vom Westen?
GAUCK: Es gibt historisch gewachsene Gründe. Die Zivilgesellschaft ist dort generell schwächer ausgeprägt, weil die Menschen die Demokratie schlicht nicht so lange trainieren konnten wie im Westen. Aber wir erleben hier ein globales Grundproblem: Die rasanten Entgrenzungsprozesse - KI, Globalisierung, Klimakrise, Zuwanderung - erzeugen tiefe Zukunftsängste. Und wo Vertrauen schwindet, gedeihen Ohnmachtsgefühle. Es kommt zu einer gefühlten „Entheimatung". Darauf reagiert der Osten deutlicher als der Westen.
WAMS: Viele Beobachter reagieren darauf mit scharfer moralischer Verurteilung der Wähler.
GAUCK: Meiner Meinung nach ist es ein schwerer Fehler, jeden AfD-Wähler pauschal zum Faschisten zu erklären. Das ist Unfug. Das eigentliche Hauptproblem ist ein psychologisches Bedürfnis nach Entlastung. Viele Menschen wollen in dieser komplexen Welt kein aktives demokratisches Subjekt mehr sein. Sie sehnen sich nach einer Gefolgschaft, einer Führerpersönlichkeit. Das entlastet von der eigenen Verantwortung. Dass die AfD das Land in eine wirtschaftliche und außenpolitische Katastrophe steuern würde, dass man die Interessen des Kriegsbrandstifters Putin vertritt, wird im Rausch des Protests ausgeblendet. All dies soll man der Wählerschaft der AfD deutlich und kämpferisch vor Augen stellen, das ist etwas anderes als die pauschale Verurteilung: „Alles Nazis."
WAMS: Wie stehen Sie zur Debatte um die „Brandmauer" zur AfD?
GAUCK: Friedrich Merz und Markus Söder haben mit ihrer Abgrenzungsstrategie völlig recht: Mit dieser Partei darf es in den Parlamenten keine Zusammenarbeit geben. Die AfD hat sich selbst systematisch disqualifiziert. Das Bild der „Brandmauer" gefällt mir jedoch nicht.
WAMS: Welches Bild schlagen Sie stattdessen vor?
GAUCK: Ich bevorzuge das Bild einer befestigten, aber geregelten Grenze. Das bedeutet: Man zieht eine glasklare politische Trennlinie - mit denen nicht. Aber auf kommunaler Ebene muss man pragmatisch das Schwimmbad oder den Kindergarten auch mal mit deren Stimmen beschließen können, ohne dass gleich die demokratische Welt einstürzt.
WAMS: Zu Ihrem persönlichen Verhältnis zu Ost und West existiert Ihr Zitat: „Meine Heimat liebte ich seriös, meinen Westen wie eine Geliebte." Gilt das heute noch?
GAUCK: Das beschreibt das Lebensgefühl eines jungen Mannes in der DDR. Heute bin ich ein alt gewordener Mann. Die rauschhafte Liebe ist einer nüchternen, tiefen Wertschätzung gewichen. Die Demokratie ist der Raum der Möglichkeiten. Aber dieser Raum steht eben allen offen - auch den Destruktiven. Genau deshalb müssen wir in diesem Raum hellwach und streitbar anwesend sein.
WAMS: Am 30. Januar 2027 wird der Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier gewählt. Die Debatte konzentriert sich darauf, dass erstmals eine Frau ins höchste Staatsamt rücken soll. Diese Vorfestlegung empfinden viele Politiker als unglücklich, was hinter den Kulissen zu hören ist, öffentlich jedoch fast niemand ausspricht.
GAUCK: Wenn die Debatte rein auf die Geschlechterfrage reduziert wird, ist das in der Tat nicht gut. Ein Mann an der Spitze muss selbstverständlich weiter möglich sein. Was wir primär brauchen, ist eine überzeugende, integrierende Figur. Allerdings halte ich es aus einem ganz praktischen Grund für absolut angezeigt, dass es eine Frau wird: Wenn wir sehen, an wie vielen Stellen Frauen das Gemeinwesen tragen, wäre eine Bundespräsidentin schlicht ein folgerichtiges Signal.
Das Interview führte: Helge Fuhst