Unterschrift Joachim Gauck
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck

Mansfeld Löbbecke-Stiftung

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Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält eine Rede in der Lindenhalle anlässlich des Jubiläumsempfangs der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung

©Philipp Ziebart

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält eine Rede in der Lindenhalle anlässlich des Jubiläumsempfangs der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung

Rede anlässlich des 190. Jubiläums der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung

14. November 2023, Wolfenbüttel

Es gilt das gesprochene Wort.

Es ist mir eine große Freude an diesem strahlenden Tag bei Ihnen in Wolfenbüttel zu sein. Wenn ich strahlend sage, beziehe ich mich offensichtlich nicht auf das trübe Novemberwetter, sondern darauf, dass hier seit 190 Jahren engagierte Bürgerinnen und Bürger unser Land zum Strahlen bringen. Gerne bin ich zu Ihnen gekommen, um dieses Jubiläum mit Ihnen zu feiern und gratuliere allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung sowie allen unterstützenden und unterstützten Menschen herzlich zum 190. Geburtstag!

Erlauben Sie mir, sehr geehrte Damen und Herren, zunächst einen kurzen Rückblick auf die Zeit und die Umstände der Stiftungsgründung, denn auch ich habe bei der Vorbereitung wieder einmal neu erfahren, wie vielseitig unsere Demokratiegeschichte und auch unser revolutionärer Erfahrungsschatz ist. Im Herzogtum Braunschweig herrschten im Jahr 1830 nach einer Missernte Arbeitslosigkeit, Hunger und Unzufriedenheit über den absolutistischen Machtstil von Herzog Karl II. Inspiriert durch die Julirevolution in Frankreich stürmten damals Braunschweiger Bürger, Handwerker und Arbeiter den Hof und vertrieben den Herzog ins Schweizer Exil. Am 12. Oktober 1832 wurde dann für das Herzogtum Braunschweig die sogenannte „Neue Landschaftsordnung“, erlassen, eine erbmonarchistische repräsentative Staatsverfassung mit einer Kammer und einem festen Etat des regierenden Fürsten.

Im Herzogtum Braunschweig entstand in dieser Zeit, wie an vielen anderen Orten in Deutschland und ganz Europa, eine zunehmend selbstbewusste Bürgerschaft, die sich nicht mehr einer absolutistischen Herrschaft unterwerfen wollte, sondern bereit war für sich selbst und andere Verantwortung zu übernehmen, sich für zuständig zu erklären und sich gesellschaftlich zu engagieren.

So wie Amalie Löbbecke, die aus einer Braunschweiger Unternehmerfamilie stammte, und der Mediziner David Mansfeld gemeinsam mit weiteren Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Braunschweig erkannten, dass es eine gesellschaftliche Not zu lindern gilt, für die es noch keine staatliche oder sonstige Zuständigkeit gab. In ihrem Aufruf zur Gründung einer „Verwahranstalt für dürftige Kinder“ hieß es: „Die physische und moralische Vernachlässigung, welcher eine so große Anzahl von Kindern ausgesetzt ist, weil ihre Eltern durch Nahrungssorgen sich außer Stande befinden, ihnen die zu ihrer körperlichen und geistigen Ausbildung erforderlichen Aufsicht zu widmen, und die schon oft die traurigsten Folgen nach sich gezogen, hat Unterzeichnete veranlasst, […] Mittel zu finden, den traurigen Zustand dieser unglücklichen Kinder in etwas zu verbessern.“ Sie verstanden, dass es an ihnen selbst liegt, etwas zu unternehmen, um die Situation zu verbessern und so brachten sie mit ihrem Engagement Licht in eine Zeit, die von Schatten, von existentieller Not geprägt war. Sie erklärten sich aus eigenem Antrieb zuständig für die Inobhutnahme von 24 Kindern im Alter von 2 bis 7 Jahren, deren Eltern bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten und sich somit nicht kümmern konnten. Amalie Löbbecke und David Mansfeld waren damals nicht allein, denn trotz oder wegen der herrschenden Not wuchs unter vielen Menschen der Wille, die Umstände zum Besseren zu verändern.

Und die Zeiten änderten sich: Mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel passte die heutige Stiftung im Laufe der Zeit die Aufgaben und auch den Namen mehrmals den jeweiligen Umständen an. So wurde aus der Pflegeanstalt für dürftige Kinder 1858 die Kleinkinderbewahranstalt, die dann viele Jahre später, in der Inflationskrise 1922, aufgrund fehlender finanzieller Mittel geschlossen werden musste. 1926 gelang die Wiedereröffnung als Volkskindergarten, aus dem sich nach den schweren Kriegszeiten 1955 die Mansfeld-Löbbecke-Kinderstiftung gründete.

Über all die langen und bewegten Jahrzehnte spiegelten sich die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Arbeit der Stiftung wider, aber konstant blieb die Bereitschaft, solidarisch mit denen zu sein, die auf Unterstützung und Hilfe angewiesen sind. Wie vor 190 Jahren steht hinter dem Engagement die Erkenntnis, die Sie in Ihrem Leitbild so formuliert haben: „Solidarität heißt für uns, wir leben in Verantwortung miteinander und füreinander, wir können geben und von anderen annehmen“.

Sehr geehrte Damen und Herren,

dies ist eine Erkenntnis und gleichzeitig Handlungsmaxime, die gerade für eine liberale, demokratische Gesellschaft von überragender, wenn nicht sogar existentieller Bedeutung ist. Es ist nämlich nicht nur so, dass das Engagement der Stiftung und vieler anderer Akteure auf diesem Feld unsere Gesellschaft solidarischer und zu einem lebenswerten Raum machen – gemeinsam leisten Sie auch einen Beitrag dazu, den Fortbestand unserer Demokratie zu garantieren. Und dieser zweite Nutzen hat für unsere Gesellschaft in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen, denn wir müssen uns eingestehen: Unsere liberale Demokratie ist fragiler als wir es uns lange erhofft haben. Wir leben erneut in einer Zeit der rasanten Umbrüche und zunehmender Bedrohungen von Innen und Außen. Unsere demokratische Selbstgewissheit wird erschüttert durch einen verbrecherischen Angriffskrieg, durch Populisten und Nationalisten, die zum Teil bereits erfolgreich der liberalen Demokratie den Kampf angesagt haben, durch religiös und ideologisch motivierten Hass und abscheulichsten Terror gegenüber unschuldigen Menschen. Und all dies passiert nicht irgendwo, sondern in unserer Mitte und in unserer unmittelbaren europäischen Nachbarschaft.

Eine uneingeschränkte Akzeptanz der Demokratie können wir auch bei uns nicht mehr automatisch voraussetzen. Wir erleben, dass das Vertrauen in den liberalen Staat einerseits von denen in Frage gestellt wird, die einen forcierten Wandel der Gesellschaft fordern, und andererseits von denen, die sich von den massiven Veränderungen der Gegenwart zunehmend überfordert fühlen. Aus unbearbeiteten Ängsten können dann Ressentiments erwachsen. So gedeiht der Nährboden für nationalistische Verführer, deren ungezügelter Hass schon mehrfach in Gewalt und sogar Mordtaten endete. Und gerade in den letzten Wochen mussten wir erneut erleben, dass sich innere und äußere Konflikte unheilvoll miteinander verweben. Wir erleben konkret, dass die Sicherheitslage in Deutschland durch das Weltgeschehen beeinflusst wird. Binnen kürzester Zeit können Nachrichten unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt antiisraelische Demonstrationen auf unseren Straßen auslösen. Gegen diesen offenen Antisemitismus müssen wir noch entschiedener vorgehen. Wir werden den unerträglichen Hass nicht erwidern, aber es muss unser Ansporn sein, die Normen unseres demokratischen Gemeinwesens noch entschiedener zu verteidigen.

Meine Damen und Herren,

eine Gefahr für unsere liberale Demokratie entsteht bereits, wenn der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft immer wieder und immer vehementer in Frage gestellt wird, wenn Grundwerte unserer offenen Gesellschaft relativiert, unsere demokratischen Institutionen verächtlich gemacht oder die Unabhängigkeit der Medien angegriffen werden. Aus der eigenen Geschichte wissen wir, dass eine Demokratie ohne eine deutliche Mehrheit demokratischer Bürgerinnen und Bürger nicht überleben kann und der demokratische Staat aus sich selbst heraus seinen eigenen Fortbestand nur bedingt sichern kann.

Es gehört zum Wesen liberaler Gesellschaften, dass verschiedene, teilweise auch miteinander konkurrierende Gruppen existieren, angefangen von Gewerkschaften, Vereinen und Parteien bis zu Nichtregierungsorganisationen, Bürgerinitiativen oder anderen vielfältigen Interessengruppen. Vielfalt, die auch durch Jahrzehnte und ganz unterschiedliche Phasen der Einwanderung geprägt wurde, ist immer auch gekennzeichnet von Diskurs und oftmals sogar von Streit.

Dieser Streit ist, solange er in konstruktiven Bahnen verläuft, kein Übel, sondern notwendige Voraussetzung für das Funktionieren einer Gemeinschaft der Verschiedenen – manche kennen es aus ihrem familiären Umfeld. Wir wissen aber auch: Für die Gestaltung der Demokratie brauchen wir umso mehr auch das Gemeinsame, das, was die Verschiedenen miteinander verbindet. Nur so kann eine innere Regulierung erfolgen und damit aus der Verbindung von Partikularinteressen Gemeinschaft erwachsen. Eine Gemeinschaft, die sich auf einen allgemein akzeptierten Wertekodex berufen kann und diesen in politischen Kontroversen als Richtschnur nutzt.

In der pluralisierten Welt von heute brauchen wir für den Zusammenhalt der Gesellschaft diesen Grundkonsens dringender denn je.

Und dieser Zusammenhalt entsteht nicht nur dort, wo Menschen zusammen lernen, arbeiten und leben, sondern ganz besonders dort wo sie sich gemeinsam mit und für Andere engagieren, wo gemeinsame Ziele motivieren und man im Streben nach einem gemeinsamen Erfolg oder auch der ertragenen Niederlage zusammengeschweißt wird. Über soziale Kohäsion in einer heterogenen Gruppe entsteht dort das, was der demokratische Staat mit seinen eigenen Mitteln nicht erreichen kann. Die liberale Demokratie lebt also davon, dass aktive Bürgerinnen und Bürger, ob ehrenamtlich oder hauptberuflich, sich engagieren und dadurch auch neue Begegnungen von Menschen ermöglichen.

Begegnungen, wie sie gerade für Menschen, die neu in unserem Land ankommen, besonders wichtig sind. So habe ich mit Freude von Mohammad Ghalandari im Stiftungs-Magazin „Impulse“ gelesen, der 2015 als Afghane aus dem Iran nach Deutschland floh, hier sein Abitur machte, nun in Wolfenbüttel Informatik studiert und seit drei Jahren ehrenamtlich den 24-jährigen Jawad begleitet, der in einer Wohnung der Stiftung lebt. Hier zeigt sich ganz praktisch, wie wichtig und förderlich es ist, jungen Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, zu unterstützen.

Und dieses Beispiel zeigt: Wer selbst, Unterstützung erfahren hat, ist gerne bereit, selbst Verantwortung für andere zu übernehmen. So wird aus der Verantwortung füreinander ein gedeihliches Miteinander, auf das unsere demokratische Gesellschaft angewiesen ist.

In dem Interview mit Mohammad Ghalandari wird auch deutlich, dass die Integration von geflüchteten Menschen ganz unterschiedlich verlaufen kann. Was dem einen leicht fällt, stellt für andere ein scheinbar unüberwindbares Hindernis dar. Und auch das mentale Gepäck, welches geflüchtete Menschen mitbringen, wiegt unterschiedlich schwer. Dies sind Erkenntnisse, die Sie in der Kinder- und Jugendhilfe schon lange haben, die wir uns alle aber vor Augen führen müssen, wenn wir die notwendige Debatte darüber führen, wie viele Menschen wir aufnehmen und dann auch in unsere Gesellschaft integrieren können. Es wurde in den vergangenen Wochen und Monaten immer deutlicher: Wenn wir als Gesellschaft offen und solidarisch bleiben wollen, müssen wir auch über die Endlichkeiten unserer Möglichkeiten sprechen und diese auch zum Maßstab unserer Politik machen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

jede Gesellschaft, aber ganz besonders die liberale Demokratie lebt davon, dass es Engagierte gibt, die das Vorgefundene realistisch anschauen, sich damit aber nicht zufriedengeben. Die sagen: "Wir packen das an, wir suchen den begrenzten Fortschritt, die etwas bessere Lösung, das, was jetzt gerade möglich ist. Und wir lassen uns dabei von Rückschlägen, von Vorläufigem und Nichtperfektem nicht abschrecken." Wenn wir Perfektion als Maßstab anlegen, werden wir die Arbeit nie beginnen müssen. Denn Perfektion ist selten zu erreichen.

Die Geschichte der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung ist ein besonders schönes Beispiel dafür, dass aus einem vermeintlich kleinen ersten Schritt etwas Großes entstehen kann: Eine Institution, die über 190 Jahre Bestand hat.

Es begann mit 24 betreuten Kindern. Heute begleiten über 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Wohngruppen oder individuellen Wohnformen durch schwierige Lebensumstände. Daneben stehen an zwei Standorten staatlich anerkannte Förderschulen mit Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung zur Verfügung.

Das Wirken der Stiftung beschränkt sich nicht nur auf die eigenen Strukturen, sondern mittlerweile ist es Ihnen gelungen, ein ganzes Netzwerk von Partnern und Unterstützern in der Region und darüber hinaus aufzubauen.

So werden zum Beispiel gemeinsam mit der Mittelstandsunion Wolfenbüttel Veranstaltungen organisiert, um Schülerinnen und Schülern der Stiftung Praktika und Ausbildungsplätze zu vermitteln. Als es im letzten Jahr galt, kurzfristig Hilfstransporte für die Ukraine zusammenzustellen, packten Kinder und Jugendliche der Stiftung gemeinsam mit freigestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens Mast-Jägermeister an. Sie könnten mir nun wahrscheinlich noch von vielen weiteren Beispielen erzählen (und vielleicht ist beim anschließenden Empfang noch Gelegenheit dazu). Aber schon so wird deutlich: Hier wurde rund um die Mansfeld-Löbbecke-Stiftung ein Netzwerk des Guten, des Solidarischen und des Demokratischen aufgespannt. Das ist es, was ich meine, wenn ich eingangs davon gesprochen habe, dass Sie unser Land zum Strahlen bringen. Wo Licht ist, ist natürlich auch Schatten. Aber da es in diesem Land ausreichend Gelegenheiten gibt, all das zu beklagen und zu benennen, was nicht funktioniert – auch das muss sein, denn nur so lässt sich aus Fehlern lernen und ein notwendiger Wandel gestalten - möchte ich es heute Abend beim Lob des Guten und der Wertschätzung für das Funktionierende belassen.

Sie, sehr geehrter Herr Bürgermeister, wissen welcher Schatz des Solidarischen sich in Ihrer Stadt angesiedelt hat: Eine Institution, die jeden Ort lebenswerter macht und zur Festigung der demokratischen Strukturen einen wichtigen Beitrag leistet.

Ihnen allen, die Sie der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung verbunden sind, danke ich ganz herzlich dafür, dass Sie zu denen zählen:

die erkennen, wenn andere Hilfe benötigen;

die verstehen, dass Demokratie nicht ist, sondern wird;

die andere begleiten, weil Sie bereit sind, nicht nur für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

„Erkennen. Verstehen. Begleiten“ so lautet die Handlungsmaxime der Stiftung, auf die Sie gemeinsam stolz sein können und auf die auch in Zukunft junge Menschen, die Hilfe benötigen, bauen können. Nochmals: Herzlichen Glückwunsch!