
©Pawel Sosnowski
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält eine Rede in der Sächsischen Staatskanzlei
Gedenkveranstaltung zum Tag der Befreiung
08. Mai 2026, Dresden
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hat in Erinnerung an den Tag der Befreiung am 8. Mai 1945 in der Dresdner Staatskanzlei eine Rede gehalten.
Änderungen vorbehalten.
Es gilt das gesprochene Wort!
Der 8. Mai 1945 erinnert an das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, an das Ende eines Weltkrieges, den Deutschland entfesselt hatte, und an das Ende von Verfolgung, Mord und Vernichtung. Dieser Gedenktag erinnert an die Befreiung der Überlebenden in den Konzentrationslagern und an die Befreiung Europas von einem Regime, das Menschen entrechtete, versklavte und millionenfach ermordete.
Es gehört zur Wahrheit des 8. Mai, dass viele Deutsche diesen Tag zunächst als Zusammenbruch erlebten: als Niederlage und Verlust, geprägt von Flucht, Vertreibung und Ungewissheit. Auch die Erinnerung Dresdens an die alliierten Bombardierungen vom Februar 1945 zählt dazu. Sie steht nicht im Mittelpunkt unseres heutigen Gedenkens. Aber sie gehört zu seiner ganzen, schmerzhaften Wahrheit.
Unser Land, das für den Völkermord an den europäischen Juden und für einen Vernichtungskrieg im Osten steht, konnte allerdings nicht erwarten, aus dem Krieg unversehrt hervorzugehen. Der 8. Mai war keine Erniedrigung Deutschlands. Denn erniedrigt worden war Deutschland zuvor von innen. Die Befreiung bedeutete das Ende der Gewaltordnung eines Regimes, das Recht zerbrach, Menschen als Material benutzte und Mord zur Staatsaufgabe erhob. Die nationalsozialistische Diktatur wurde nicht durch den Aufstand der Mehrheit des eigenen Volkes gestürzt. Sie wurde militärisch niedergerungen – durch die Soldaten und Waffen der alliierten Armeen, durch unsere damaligen Gegner im Osten und im Westen.
Darum haben wir allen Grund zur Dankbarkeit. Wir verneigen uns vor den Armeen der alliierten Soldaten: vor Amerikanern und Briten, vor Franzosen, Polen und Angehörigen vieler weiterer Nationen – und vor den Soldaten der Sowjetunion, die einen ungeheuren Blutzoll entrichteten. Die Vernichtungslager im Osten wurden von sowjetischen Soldaten befreit. Bei der Befreiung von Auschwitz starben 231 von ihnen.
Unsere Dankbarkeit dafür kann nur wahrhaftig sein, wenn sie genau erinnert: Die Rote Armee war keine rein russische Armee. In ihr kämpften Russen, Weißrussen, Georgier, Armenier, Kasachen, Usbeken, Soldaten der baltischen Sowjetrepubliken und viele andere. Auch über sechs Millionen Menschen aus der Ukraine dienten in der Roten Armee. 1,6 Millionen Ukrainer kamen in Kriegsgefangenschaft. Darum dürfen wir nicht akzeptieren, dass die Erinnerung national verengt oder politisch vereinnahmt wird. Der Sieg über den Nationalsozialismus gehört nicht dem heutigen russischen Regime und nicht dem russischen Volk allein. Wir verdanken ihn im Osten Europas allen Soldaten und den Völkern, die damals gegen die deutsche Besatzung kämpften und das NS-Regime zur Kapitulation zwangen.
Wenn wir heute hier in Dresden, im Osten Deutschlands, über die Befreiung sprechen, möchte ich uns daran erinnern: Der Roten Armee als Teil der Anti-Hitler-Koalition hat mehr Opfer gebracht als die mit ihr verbündeten Armeen. Mit tiefem Respekt schauen wir auf ihren Anteil am Sieg über ein Deutschland, das wegen seiner Hybris und seiner Mordtaten niedergerungen werden musste. Dafür Dank zu sagen, ist so etwas wie ein moralisches und politisches Gebot. Leider aber konnten nach dem Krieg nur wenige Menschen im Osten so empfinden. Denn so wichtig die Rolle der sowjetischen Sieger auch bei der Beendigung des Krieges war, so brutal und rechtsverletzend war anschließend ihre Rolle als Besatzungsmacht. Während die Befreier im Westen Deutschlands Schritt für Schritt Demokratie wachsen ließen, brachte der Antifaschismus im Osten auch eine Ordnung mit sich, in der Menschen- und Bürgerrechte weitgehend eingeschränkt waren, die Herrschaft des Rechts eliminiert wurde, Parteien und Gewerkschaften nicht frei agieren konnten. Aus einer einstigen Befreiungsarmee wurde nun eine Armee, die der Unterdrückung diente. Sie verhindert im Juni 1953 die vom Volk geforderte Demokratisierung, Sowjetpanzer zerschlagen den Volksaufstand. Ohne dies wäre schon 1954 das Ende der kommunistischen Zwangsherrschaft eingetreten und eine Wiedervereinigung möglich gewesen. Die Sowjetarmee blieb über Jahrzehnte Garant einer nicht legitimierten Herrschaft in einem eingemauerten Staat. Und die Menschen gewöhnten sich an die Ohnmacht der Vielen und die Übermacht der Wenigen. Lange sollte es dauern, bis sie ihren Mut wiederfanden und nicht mehr Untertan, sondern Bürger sein wollten: „Wir sind das Volk.“ Erst in dieser späten Zeit verdient die Sowjetarmee noch einmal unsere Anerkennung: Sie griff nicht ein, sie blieb friedlich und wahrscheinlich hofften viele Sowjetsoldaten auf ähnliche Ereignisse in ihrer Heimat wie in Sachsen 1989/90.
Diese Erfahrungen bewahren uns heute vor erinnerungspolitischen Irrwegen. Dankbarkeit für die Befreiung von 1945 kann nicht bedeuten, dass wir schweigen, wenn Russland im 21. Jahrhundert einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt; sie kann nicht bedeuten, dass wir wegsehen, wenn Städte bombardiert, Zivilisten getötet und Kinder verschleppt werden, und wenn ein freies Volk seiner Unabhängigkeit und Selbstbestimmung beraubt werden soll.
Gerade unsere deutsche Geschichte verpflichtet uns, der Lüge zu widersprechen, ein Angriffskrieg könne Befreiung bedeuten. Der Kampf gegen Hitler damals war ein Kampf gegen einen imperialistischen Aggressor. Wenn der Kreml heute ein Nachbarland überfällt und dies als Fortsetzung des „Großen Vaterländischen Krieges“ verklärt, ist das nicht nur ein dreister Versuch zur Fälschung von Geschichte, sondern auch eine Täuschung der Öffentlichkeit über die eigenen imperialen Absichten. Wer die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus ehrt, darf die Unterwerfung der Ukraine nicht hinnehmen.
Deutschland erlebte 1945 eine Niederlage, aber es war mehr als eine militärische Niederlage. Es war der Zusammenbruch einer Welt von Lügen, Verblendungen und falschen Gewissheiten. Viele Deutsche sahen 1945 zuerst die Trümmer ihrer Städte, die Toten in ihren Familien, den Verlust der Heimat, den Hunger, die Demütigung.
Viele trauerten um die eigenen Familien und Freunde, fanden aber noch nicht den Weg zu einer Trauer um die Opfer, die durch Deutsche entrechtet, gequält und ermordet worden waren. Während die äußere Niederlage Deutschlands offenkundig wurde, brauchte die innere Lösung von den Bildern, Sehnsüchten und Verführungen des Nationalsozialismus viel länger.

©Pawel Sosnowski
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck im Gespräch mit dem Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen, Michael Kretschmer
Auch hier im Osten Deutschlands gab es diese Verdrängung. Die historische Schuld wurde kurzerhand ausgelagert. Der neue Staat nannte sich antifaschistisch und erklärte damit, der Faschismus sei überwunden, weil man nun auf der richtigen Seite der Geschichte stehe. Die Täter, so hieß es, säßen im Westen; die eigene Gesellschaft sei geläutert. Aber Schuld verschwindet nicht, wenn man sie unter den Teppich kehrt. Sie verschwindet nicht durch eine neue Fahne, nicht durch einen neuen Sprachgebrauch, nicht durch die Behauptung, nun gehöre man zu den Siegern.
Im Westen wie im Osten mussten Deutsche erst lernen, dass Erinnerung auch Selbstbefragung ist. Sie fragt: Wo haben wir blind einem faschistischen Führer geglaubt? Wo haben wir mitgemacht, geschwiegen, weggesehen oder profitiert? Wo und wie weitgehend haben wir Schuld auf uns geladen? Erst als diese Fragen lauter wurden, begann jene innere Befreiung, die die Opferperspektive der militärischen Niederlage abstreifte: die Befreiung von Selbstmitleid, von Verdrängung, von der bequemen Legende, man selbst habe mit allem nichts zu tun gehabt. Selbstverständlich darf auch das von den Siegern begangene Unrecht so benannt werden. Aber wir sollten denjenigen widerstehen, die uns vergessen machen wollen, wer den Krieg ausgelöst und Verbrechen bis dahin ungeahnten Ausmaßes zu verantworten hatte. Wahrhaftiges Erinnern kann gedeihen, wo ein Land nicht nur seine Wunden zeigt, sondern auch die Wunden anerkennt, die es anderen geschlagen hat.
Wir begegnen uns heute in Dresden, einer aus Trümmern wiedererstandenen Stadt. Wer durch ihre Straßen geht, wer vor der Frauenkirche steht, wer die Silhouette am Elbufer sieht, spürt: Zerstörung muss nicht das letzte Wort behalten. Menschen können aufbauen, bewahren, verlorene Schönheit zurückholen und Zeichen setzen.
Der Wiederaufbau Dresdens ist aber mehr als eine architektonische Leistung. Heute ist die Frauenkirche auch ein Zeichen dafür, dass Feindschaft nicht ewig dauern muss. Wir haben gelernt, dass unser Gedenken ohne die Erinnerung an Coventry, an Wieluń und Rotterdam, an London, Leningrad, Warschau selektiv und unvollständig bleibt. Dies hat man in Dresden verstanden.
Wir haben in Deutschland lange geglaubt, der Frieden sei ein Zustand, der sich von selbst erhält. Wir haben gehofft, Handel würde Wandel bringen, Dialog und Erinnerung würden uns alle klüger machen. Doch vieles hat sich als Wunschdenken herausgestellt. Heute müssen wir nüchtern erkennen: Die Freiheit, in der wir leben, ist nicht selbstverständlich. Und sie wird regelmäßig angegriffen – vor allem mit Drohnen, Panzern und Raketen in der Ukraine. Aber ein hybrider Krieg Russlands hat auch schon gegen uns begonnen. Unsere offene Gesellschaft wird aktiv bedrängt. Mit Lügen, Einschüchterung, Cyberangriffen, Spaltung und der gezielten Verächtlichmachung unserer demokratischen Institutionen.
Genau deshalb dürfen wir nicht zurückfallen in Tatenlosigkeit und Wunschdenken. Friedfertigkeit ist eine Tugend. Aber ein naiver Pazifismus und Wehrlosigkeit sind es nicht. Wer Freiheit bewahren will, muss bereit sein, sie zu schützen. Wer das Recht liebt, muss dem Unrecht Grenzen setzen können. Wenn wir „Nie wieder Krieg“ sagen, dann nicht, um dem Aggressor zu signalisieren, dass Gewalt toleriert oder gar belohnt wird.
Lassen wir uns also nicht einreden, das demokratische Deutschland sei kriegssüchtig. Das Gegenteil ist der Fall. Wir rüsten uns, damit Krieg gegen uns und unsere Verbündeten unwahrscheinlicher wird. Wir stärken unsere Bundeswehr, unsere Bündnisse, unsere Gesellschaft, unsere Energieversorgung, unsere digitale Sicherheit und unsere innere Widerstandskraft, damit Erpressung von außen keinen Erfolg hat. Wir tun dies aus Verantwortung für den Frieden.
Daher wünsche ich mir an diesem 8. Mai, dass Dresden ein Lernort der Demokratie bleibt – ein Ort, an dem wir uns vergegenwärtigen: Freiheit verteidigt sich nicht von selbst. Sie verpflichtet uns zur Wahrhaftigkeit im Erinnern. Aus dieser Erinnerung erwächst Verantwortung für den Schutz von Frieden, Freiheit und Menschenwürde – heute wie morgen.