
©Jonas Albrecht
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält eine Rede in der Kölner Philharmonie
Festrede beim 50. Jubiläum des Kölner Konzerts von Wolf Biermann
21. Oktober 2026, Köln
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hat die Festrede aus Anlass des 50. Jubiläums des legendären Kölner Konzerts von 1976 des Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann in der Kölner Philharmonie gehalten. Darin würdigte er Biermann als „das bekannteste Gesicht des Widerspruchs gegen die SED-Führung“ und „Glückfall für unser Land“.
Es gilt das gesprochene Wort.
Es gibt Abende, die sich erst im Rückblick als Wendepunkte zu erkennen geben. Der 13. November 1976 in der Kölner Sporthalle war ein solcher Abend. Mehrere tausend Menschen saßen dort, manche auf dem Boden, manche standen, und sie hörten einen Mann, der in seiner Heimat Auftrittsverbot hatte, nun endlich singen – etwa vier Stunden lang, als müsse er zwölf Jahre öffentliches Schweigen auf einmal nachholen. Am Ende dieses Abends entsteht dieses ikonische Foto: schwebendes Dichter-, Sänger-, Menschenglück.
Bald danach würde es ihm wieder schwer auf die Seele fallen, dass dieser große Auftritt nur fern von denen möglich war, die doch zuhause auf seine Botschaften warteten. Das aber war seit Jahren nicht möglich. Die Mächtigen vor 50 Jahren fürchteten sowohl den Inhalt seiner Lieder als auch die Qualität dessen, was Wolf Biermann sang: Seine Texte waren genau gearbeitet, oft zupackend derb, dann wieder von großer sprachlicher Schönheit. Dazu kam etwas, das Diktaturen besonders schwer verzeihen: der Humor.
Biermann trug seine Kritik als überzeugter Kommunist vor, nicht als Feind der eigenen Sache, sondern als einer, der sie ernster nahm als ihre Funktionäre. Das machte seine Angriffe nur schärfer, und weil er dabei unvorsichtig direkt war, pointiert und bisweilen treffend ironisch, konnte sich das Publikum in Köln lang kaum satthören. Und wie würde das erst in der DDR wirken, wenn das Ereignis über das Fernsehen dort ankam? Ein Land, dessen Bürger ihre Herrscher durchschauen konnten, würde es sich nicht innerlich immer wieder von ihnen distanzieren?
Wer so genau trifft wie Wolf Biermann, wird dann am härtesten bekämpft. Er war der Beste unter den kritischen Stimmen seiner Zeit – und das war der Grund, warum man ihn nicht mehr ins Land zurückließ.
Jahrelang hatte er bis zu diesem Abend unter Beobachtung gelebt, wurde abgehört und verfolgt - von jeder Bühne verbannt. Er hat später über die Angst gesprochen, die ihn in dieser Zeit begleitete. Die Frage sei nicht, ob man Angst habe, das sei menschlich und normal. Die Frage sei, wer wen habe: ob man die Angst habe oder die Angst einen. Wer von ihr beherrscht werde, sei im Grunde schon verloren.
Drei Tage nach diesem Konzert, am 16. November 1976, verkündeten die DDR-Nachrichten, Wolf Biermann sei das Recht auf weiteren Aufenthalt entzogen worden – ein Mittel, das zuvor nur die Nationalsozialisten gegen die eigenen Staatsbürger eingesetzt hatten. Die Mächtigen hielten das für eine saubere Lösung: den Unbequemen draußen lassen, statt ihn drinnen einzusperren. Es wurde einer der folgenreichsten Fehler der DDR-Geschichte. Wer einen Menschen zum Schweigen bringen will, indem er ihn aus dem Land entfernt, muss damit rechnen, dass gerade dadurch jeder von ihm erfährt. Aus einem verbotenen Liedermacher wurde das bekannteste Gesicht des Widerspruchs gegen die SED-Führung.
Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Schauspielerinnen und Musiker in der DDR unterschrieben eine Petition gegen die Ausbürgerung – so etwas hatte es zuvor nicht gegeben. Viele von ihnen zahlten dafür mit Auftrittsverboten, Verhören, am Ende mit dem Weggang aus dem Land, das sie hatten mitgestalten wollen.
Wolf Biermann hat das so eingeordnet: Nicht seine Ausbürgerung habe die DDR erschüttert, sondern der Protest, den niemand erwartet hatte. Das war zwar noch nicht der Anfang vom Ende der DDR. Aber es vermehrte die Anzahl derer deutlich, die sich innerlich vom Realsozialismus verabschiedeten. Und: wenn die Herrschenden sich fürchten, wächst die Hoffnung derer, die Veränderung ersehnen, erwachsen irgendwann auch Taten.
Nach seiner Ausbürgerung hatte Wolf Biermann Schwierigkeiten in der westlichen Gesellschaft anzukommen. Er hatte in Ostberlin gelernt, dass er sich selbst verlieren würde, auch seine tragende Idee, auch seinen ermordeten Vater, wenn er sich den Mächtigen ergeben und zu Kreuze kriechen würde. Sein Widerstand hat ihm erlaubt, Ja zu sich selbst zu sagen – und Nein zu sagen, wo andere in ihrem Ja dahinlebten. Widerstand hatte ihn mit einer Würde ausgestattet. So suchte er nun im Westen Wesensgleiche und fand sie unter den Friedensbewegten, Atomkraftgegnern und Sozialisten der edleren Couleur. Er würde später bezeugen, dass deren Kampf gegen das eigene System etwas anderes sei als sein eigenes Widerstehen, aber erst einmal sang er zu ihrer Freude von Che Guevara, von Soldaten, von Regen und Jauche…
Manches aus dieser Zeit hat er später deutlicher Selbstkritik unterzogen - „nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. Nicht leicht, eine gerade neu gefundene geistige Heimat wieder zu verlassen.
Wieviel schwerer aber wird es gewesen sein, die alte Heimat zu verlassen! Den Kommunismus als Idee, jene Idee, die ihn ja mit seinem Vater verband. Da existierte ja so etwas wie ein tiefes inneres Gelöbnis: wofür der Vater gestorben war, dürfe nicht umsonst gewesen sein. Der verletzliche und verletzte junge Mann hatte sich eine Rüstung zugelegt, die es ihm erlaubte, seine Kämpfe so entschieden auszufechten, wie es ihm damals gelang.
Als er später, unter anderem mit Hilfe von Manès Sperber, diese Rüstung aufgibt, verliert er nicht nur alte Gewissheiten, er verliert auch Freunde, die an diesen Gewissheiten festhalten. Woher nahm er die Kraft dazu? Es gehöre, sagt er, zur Würde des Menschen, angesichts neuer Erfahrungen neue Gedanken zuzulassen und den Mut zu haben, sich zu korrigieren. Diesen Mut hat er zuerst gegen sich selbst gerichtet, lange bevor er ihn von anderen verlangte.
Lieber Wolf, wenn ich Dich heute anschaue, habe ich dasselbe Gefühl, wie einst, als ich die halbe Nacht in Rostock vor dem Fernseher das Kölner Konzert verfolgte, jedes Wort, jeden Ton von Dir mit dem Tonbandgerät auffischend, staunend und tief beglückt, einer befreienden Botschaft begegnete: Mut ist eine Menschenmöglichkeit. Wir ängstlichen Menschen brauchen die, die uns diese Wahrheit in unser Herz geben.
Ich werde dir nie anders als in tiefer Dankbarkeit begegnen.
Dies gilt auch, wenn ich einen späteren Satz von dir höre, der mir heute wichtiger erscheint als je: Eine unvollendete Demokratie sei allemal besser als eine vollendete Diktatur. Diese Kampfansage stammt von einem Mann, der unterschiedliche Systeme am eigenen Leib erlebt hat und sich dafür entschieden hat, auch eigene Fehlsichten zu erkennen und zu korrigieren.
Was Wolf Biermann an sich selbst schmerzhaft eingelöst hat, die Fähigkeit zur Selbstkorrektur, verlangt er heute, etwa angesichts des Angriffskriegs Putins auf die Ukraine auch von einer jüngeren Generation, der die Erfahrung eines Krieges fremd ist: Pazifisten wie Bertrand Russell oder Albert Einstein hätten einst vorgemacht, dass auch feste Überzeugungen revidierbar sein müssen, als sie erkannten, dass ihr Pazifismus gegenüber den Nationalsozialisten nichts ausrichten könne. Überzeugungen müssen sich an der Wirklichkeit messen lassen.
Eine offene Gesellschaft erträgt es, wenn sich Gewissheiten als falsch erweisen, weil sie keine endgültigen Wahrheiten verspricht. Frieden ohne Wahrheit und Freiheit ist für Wolf Biermann nur ein Friedhofsfrieden. Wie sehr er Recht hat! – Schon vor einem Jahr hat er in einem neuen Lied Trump und Putin als „Liebespaar" verspottet – bitter, komisch, und so schrecklich wirklichkeitsnah.
Dieser Abend ist für viele von uns auch ein nostalgischer. Das ist durchaus angemessen. Allerdings nur so lange, wie wir uns bewusst machen: Freiheit muss verteidigt werden, gegen Angriffe von außen, wie von innen, jeden Tag neu, mit Worten, die genau sind, und mit der Entschlossenheit, sie auch dann auszusprechen, wenn andere das Schweigen vorziehen.
Lieber Wolf Biermann, in wenigen Wochen wirst du 90 Jahre alt, und du singst noch immer für uns, für deine Pamela, für dich. Das freut all die Menschen, die dir heute zuhören, nicht nur hier, sondern überall.
Bleib lange unter uns, du „blutjunger Greis“! Andere Deutsche vor uns hatten Heinrich Heine, wir haben und brauchen dich. Brauchen das schwebend-zarte wie das brutal-direkte deiner Lieder und Gedichte, brauchen Menschen, die den Traurigkeiten unseres Daseins nicht ausweichen und trotzdem nicht Unterschlupf suchen in der Hütte, in der Tristesse und Verzweiflung wohnen, brauchen den, der vertraut ist mit schwarzer Vergeblichkeit und dennoch mit schönsten Liebesliedern Ja sagen kann zum Leben.
Wolf, du bist für dieses Land ein Glücksfall. Ich wünsche dir und uns, dass du uns noch lange begleitest. Es kommen Zeiten, da werden wir uns beistehen müssen mit deiner „ERMUTIGUNG“.