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Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält eine Rede im Stuttgarter Hospitalhof
Demokratie unter Druck: Rede bei der Fachtagung "DOKVILLE"
18. Juni 2026, Stuttgart
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hat die Eröffnungsrede bei der diesjährigen Fachtagung DOKVILLE zum Thema „Demokratie unter Druck – ist unsere Zivilgesellschaft am Ende?" in Stuttgart gehalten.
Änderungen vorbehalten.
Es gilt das gesprochene Wort!
In diesem Jahr haben Sie mit dem Titel Ihrer Tagung die Diagnose gestellt, dass die Demokratie unter Druck sei. Ja, dieser Druck ist real und er fordert alle heraus, denen dieses Land am Herzen liegt. Nun steht da aber auch noch eine Frage im Titel Ihrer Veranstaltung, und sie lautet: „Ist unsere Zivilgesellschaft am Ende?"
Das kann ja nur rhetorisch gemeint sein. Denn ich blicke auch in schwierigen Zeiten mit Zuversicht auf unser Land – und zwar gerade dann, wenn das Missbehagen wieder Konjunktur hat. Also möchte ich einmal festhalten: Nein, unsere Zivilgesellschaft ist nicht am Ende. Aber sie steht, genau wie die liberale Demokratie insgesamt, unter Druck. Und wer das nicht ernst nimmt, der hat weder die Lage verstanden noch die Aufgabe, die daraus erwächst.
Dokville ist seit vielen Jahren der Treffpunkt derer, die in diesem Land anspruchsvolle Dokumentarfilme machen – eine Erzählkunst, die wir gerade in diesen Zeiten wieder stärker würdigen sollten. Wer dokumentarisch arbeitet, nimmt sich die Freiheit, Wirklichkeit zu befragen – aber er kann diese Freiheit nur glaubwürdig ausüben, wenn er sich zugleich der Verantwortung stellt: gegenüber den Menschen, die er zeigt; gegenüber den Tatsachen, die er prüft; und gegenüber dem Publikum, dem er Orientierung schuldet, ohne ihm das eigene Urteil abzunehmen. Der Dokumentarfilm ist in diesem Sinne eine Schule des Hinsehens. Er sieht hin, wo andere ihren Blick abwenden. Er hört zu, wo es bequemer wäre zu schweigen. Er fragt weiter, wo die schnelle Antwort längst bereitläge. Und während Sie so arbeiten, greifen Sie auf Bilderwelten und Geschichten zurück, die über die Wirkmacht des Faktischen und des guten Arguments hinausgehen.
Mir geht es heute um die Umstände, unter denen Sie Ihre verantwortungsvolle Arbeit wahrnehmen. Denn wer über die Bedeutung des Dokumentarfilms sprechen will, der kommt nicht umhin, auf die Verfassung der Welt zu schauen, in der diese Filme entstehen.
Und ich will gleich bekennen: Die Geschwindigkeit und die Tiefe des Wandels, den wir gegenwärtig in so vielen Bereichen erleben, hätte ich mir noch vor einigen Jahren nicht vorstellen können. Deutschland und Europa befinden sich angesichts der aktuellen geopolitischen Beben in einer historischen Bewährungsprobe: Jene oft beschworene regelbasierte Ordnung, deren Beständigkeit lange als sicher galt, wird ausgerechnet von unserem wichtigsten Verbündeten aufgekündigt. Grundsätze wie die Verbindlichkeit internationaler Vereinbarungen, der Schutz der Zivilbevölkerung oder die Pressefreiheit werden immer offener bestritten oder schlicht beiseitegeschoben. Laute, zornige Stimmen finden in der digitalen Welt ein Echo, das sie früher nie gehabt hätten, und sie nutzen es, um das Verbindende verächtlich zu machen und das Trennende zu schüren.
So nehmen wir wahr, wie die Grundfesten des freiheitlichen Zusammenlebens erschüttert werden. Es wächst ein Klima heran, in dem das Autoritäre an Boden gewinnt und demokratische Überzeugungen Schaden nehmen.
Das trifft jene mit besonderer Härte, die diese Wirklichkeit dokumentieren. Die Pressefreiheit ist laut Reporter ohne Grenzen auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2002 gesunken. Journalistinnen und Journalisten, Kamerafrauen und Filmemacher sehen sich weltweit wachsenden Gefahren ausgesetzt. Besonders drastisch war die Lage im Gazastreifen, wo Medienschaffende in erschreckend hoher Zahl getötet oder festgesetzt wurden und unabhängige Berichterstattung bis heute behindert wird. Wer hinsieht, wo andere wegsehen, der zahlt dafür mancherorts mit seiner Freiheit, manchmal mit seinem Leben.
Wir wissen: Der Abbau der Demokratie beginnt in der Regel schleichend – mit Druck auf die Medien, mit der Normalisierung von Repression, mit Angst, die zur Selbstzensur führt, und mit der Umdeutung von Kritik in Illoyalität. All dies geschieht in einem Diskursrahmen, der sich gerade radikal verändert. Wer diese Stufen einmal gesehen hat oder die Unfreiheit aus persönlicher Erfahrung kennt, der nimmt freie Medien nicht als selbstverständlich hin.
Die aktuellen Umbrüche verändern also die Bedingungen, unter denen Sie arbeiten, und erhöhen die Gefahren, denen Sie ausgesetzt sind. Aber sie beeinflussen, so fürchte ich, etwas noch Grundsätzlicheres: die Urteilsfähigkeit der Menschen – ihre Fähigkeit, das, was Sie ihnen zeigen, überhaupt noch eigenständig zu prüfen, einzuordnen, und zu unterscheiden. Urteilsfähigkeit ist keine rein private Tugend, sondern eine Grundvoraussetzung demokratischer Öffentlichkeit. Denn nicht zuletzt hier entscheidet sich, ob unsere Zivilgesellschaft dem Druck standhalten kann.
Echte Aufklärung wird heute massiv erschwert, weil die Öffentlichkeit durch neue Medienangebote zersplittert und weil jene, die einst vermittelt, geprüft und eingeordnet haben, ihre Mittlerrolle immer mehr verlieren. In den Vereinigten Staaten erleben wir gerade, wie ein Staat die unabhängige Presse wie einen Gegner behandelt. Dazu muss man regierungskritische Medien nicht verbieten. Es genügt, sie einzuschüchtern, wirtschaftlich zu schwächen, von Arbeitsmöglichkeiten auszuschließen und im öffentlichen Ansehen so weit zu beschädigen, dass die Bürger aufhören, ihr zu vertrauen. Große Nachrichtensender wechseln in die Hände von Eigentümern, die der Regierung nahestehen. Unbequeme Reportagen verschwinden aus dem Programm, nicht weil sie faktisch falsch wären, sondern weil sie politisch ungelegen kommen. Am Ende stehen zentrale Informationskanäle einer Demokratie unter der Kontrolle von Akteuren, deren geschäftliches Wohlergehen davon abhängt, dass sie die Regierenden nicht verärgern. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama spricht von einer Selbstschwächung – und er beschreibt damit eine Demokratie, die ihre Stabilität für selbstverständlich hält und sich von innen selbst Schaden zufügt.
Was in den USA neu hinzukommt – und mich noch mehr beunruhigt –, ist dies: Die Bedrohung kommt nicht nur von autoritären Kräften, die die Mittel des Staates für ihre Zwecke instrumentalisieren. Einige Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley verbünden sich zunehmend mit den rechtspopulistischen Bewegungen und der Trump-Regierung. Hatte die digitale Informationsrevolution zunächst unzählige Gegenöffentlichkeiten geschaffen und den Pluralismus gestärkt, wird sie inzwischen von wirtschaftlichen Interessen weniger Einzelakteure bestimmt. Denn die werbefinanzierten Plattformen binden das kostbare Gut der menschlichen Aufmerksamkeit am längsten durch emotionale Konflikte – und stimulieren so ein unversöhnliches, zuweilen düsteres Weltgefühl.
Der Historiker Yuval Noah Harari hat diese Entwicklung so auf den Punkt gebracht: Soziale Medien, sagt er, sind nicht auf Wahrheit optimiert und nicht auf Vertrauen, sondern auf Erregung, Bindung und Steuerung von Verhalten. Mit der Künstlichen Intelligenz aber, so Harari, betreten wir noch eine weitere Stufe. Denn sie konkurriert nicht mehr nur um unsere Aufmerksamkeit, sondern um das Gefühl von Intimität. Künstliche Intelligenz kann Nähe simulieren und Gefühle der Zustimmung erzeugen. Sie löst Sprache von der menschlichen Erfahrung, aus der sie einmal entstanden ist.
Die eigentliche Gefahr liegt in der allmählichen Aushöhlung jener Voraussetzungen, auf denen demokratische Öffentlichkeit, die Fähigkeit zur Selbstkorrektur – und am Ende menschliche Beziehungen überhaupt – beruhen.
Vielleicht liegt gerade darin auch eine Chance für den Dokumentarfilm. Denn Sie können stärken, was uns abhandenzukommen droht: sich Zeit zu nehmen, hinzuhören, verstehen zu wollen, bevor man sich eine Meinung bildet. Sie fördern damit genau jene Urteilsfähigkeit, von der ich sprach. Was Sie zeigen, ist nicht simulierte, sondern erlebte Nähe; was Sie festhalten, nicht künstlich generierte, sondern gelebte Erfahrung.
Auch hier in Europa kontrollieren Tech-Oligarchen längst Teile der politischen Öffentlichkeit. Die Plattformen, auf denen auch Ihre Filme zirkulieren, gehören denselben amerikanischen Unternehmern. Die Algorithmen entscheiden mitunter über die Sichtbarkeit Ihrer Arbeit und werden zur politischen Beeinflussung auch in Deutschland eingesetzt. Es ist schon kurios: Wer antidemokratischen Auffassungen Einhalt gebieten will, gilt in der Logik mancher Plattformeigentümer als Zensor; wer den Rahmen des Sagbaren um illiberales Spruchgut „bereichert“, wird hingegen als Verfechter der Meinungsfreiheit gefeiert.
Wenn immer stärker auch private Akteure mit großer Machtfülle die Funktionsweise der modernen agora bestimmen – im Fall der USA mit Unterstützung aus dem Weißen Haus – ist das ein demokratietheoretisches Problem. Denn wer über maßgebliche Infrastrukturen öffentlicher Kommunikation verfügt, ohne rechenschaftspflichtig zu sein, übt eine Macht aus, die unsere Verfassungsordnung bislang nicht kennt. Die Demokratie aber lebt von mündigen Bürgern, und diese Mündigkeit braucht verlässliche Information. Es scheint mir daher essenziell, dass wir die freie Meinungsbildung vor unbotmäßiger Einflussnahme schützen. Deshalb ist die Frage, wer jene Medienräume finanziert und sichert, in denen Verlässliches entsteht, eine Frage des demokratischen Gemeinwohls.
Europa hat erste Antworten auf diese neuen Herausforderungen formuliert, etwa mit dem European Media Freedom Act, der seit dem vergangenen Sommer in allen Mitgliedstaaten gilt. Das ist ein wichtiger Schritt. Aber Recht entfaltet seine Wirkung nur, wenn der Gesetzgeber es auch gegen mächtige Interessen durchzusetzen bereit ist – und wenn die Öffentlichkeit hinschaut, ob es wirklich geschieht.
Was geschieht, wenn Wahrheit als verbindende Kategorie zerfällt, hat Hannah Arendt früh erkannt: „Der ideale Untertan totalitärer Herrschaft [schrieb sie bereits 1951 in „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“] ist nicht der überzeugte Nazi oder der überzeugte Kommunist, sondern Menschen, für die der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion – und zwischen wahr und falsch – nicht länger existiert.“ Dieser Entwicklung müssen wir uns widersetzen. In einer Demokratie ist Wahrheit nie fertig; um sie wird gerungen. Aber dieses Ringen setzt voraus, dass es Tatsachen gibt, die gelten, auch wenn sie einem nicht passen. Wer das leugnet, zerstört den Boden, auf dem Argumente überhaupt greifen können.
Wir erleben, dass viele Debatten, zumal im virtuellen Raum, nicht wirklich Neues ans Licht bringen. Im Gegenteil: Behauptungen verdrängen Belege, Empörung ersetzt Argumente, und Tatsachen werden nicht widerlegt, sondern einfach ignoriert. Verstärkt durch die Möglichkeiten der KI nimmt zugleich die Beweiskraft von Bildern beständig ab; häufig dienen sie nur noch dazu, das zu bestätigen, was man ohnehin glauben will.
Denken Sie nur an die verbreitete Propagandalüge, die Ukraine sei selbst schuld am russischen Angriffskrieg. Oder an die Vorstellung einer neuen Partnerschaft mit dem Kriegsverbrecher Putin, der uns angeblich wieder günstige Energie liefern würde. Diese Narrative gehen erkennbar von Russland aus und widersprechen damit den nationalen Interessen Deutschlands. Dennoch verfällt ein Teil des Publikums der Gleichgültigkeit und zieht sich aus der Beteiligung zurück, während ein anderer Teil sich radikalisiert. So wird das Vertrauen in unser Gemeinwesen brüchig, und es entsteht eine Nebenwelt „alternativer Wahrheiten“, die sich oft erstaunlicher Popularität erfreut, weil sie emotional so entlastend wirkt.
Eine Demokratie braucht gemeinsame Foren – Orte, an denen Konflikte sichtbar werden, ohne sofort in die Ökonomie der Empörung zu kippen. Die Antwort auf die Lautstärke an den Rändern liegt nicht in mehr Gegenlärm, sondern in Qualität und Reichweite für konstruktive statt ritualisierte Debatten. Denn hinter dem Lärm steht ein menschliches Grundbedürfnis, das politische Verführer geschickt ausnutzen: der Drang nach Anerkennung und Würde. Francis Fukuyama greift dafür einen Begriff aus der antiken griechischen Philosophie auf, den ich hilfreich finde, den Thymos. Wer Populisten wählt, so seine Beobachtung, ist oft weniger von wirtschaftlicher Not getrieben als von dem Gefühl, in seiner Würde übersehen zu werden. Es geht, mit anderen Worten, weniger um eine Ungleichheit des Besitzes als um eine Ungleichheit der Anerkennung.
Daraus folgt aber nicht, was viele bequemerweise annehmen: Wer sich von der politischen Mitte abwendet und verführerischen „gefühlten Wahrheiten“ hingibt, ist nicht automatisch für die Demokratie verloren. Genau hier liegt eine Stärke des Dokumentarfilms, die der schnellen Schlagzeile verwehrt bleibt: Er kann das Gesicht hinter einer Parole zeigen, die Biografie hinter der Wut. Wer zuhört, ohne sich gemein zu machen, hält die Tür offen, durch die mancher zurückfinden kann.
Der Blick nach Ungarn und auf den historischen Wahlsieg von Péter Magyar zeigt, dass illiberale Politik keineswegs unbesiegbar ist. Populismus, der Kränkungen in der Bevölkerung politisch mobilisiert und Ressentiments verstärkt, kennt auch Grenzen. Inzwischen wird dies selbst in den USA sichtbar, wo die Unterstützung für Donald Trump sogar in seiner eigenen Wählerbasis bröckelt – ausgelöst nicht zuletzt durch einen unpopulären Krieg gegen den Iran und eine Zollpolitik, die die Lebenshaltungskosten steigen lässt.
Dass Menschen für die Demokratie zurückzugewinnen sind, hat auch mit dem zu tun, was unser Gemeinwesen ihnen zu bieten hat. Umso mehr wäre es ein Verlust, wenn Bürger in den dokumentarischen Bildern nur noch Zeugen des Mangels würden und immer seltener Zeugen dessen, was trägt, gelingt und Vertrauen verdient. Ich plädiere deshalb nicht für weniger Kritik an politischen Zuständen, sondern für ein vollständigeres Bild. Denn denkt man an unsere wache und vielfältige Zivilgesellschaft, so zeigt sich: Dieses Land ist durchzogen von Menschen, die ihre Demokratie mitgestalten und weiterentwickeln wollen. Ihnen begegne ich auf meinen Reisen durch die Republik regelmäßig, und ich sehe sie als Teil eines tragenden Geflechts. Ja, es gibt sie wirklich, die Betätigungsfelder politischen, ökonomischen und auch kulturellen Gelingens. Die Wahrnehmung dieser Wirklichkeit steht der eingangs erwähnten Kultur des Verdrusses entgegen – und ich bitte Sie, das nicht als Schönfärberei zu verstehen. Unser kritisches Bewusstsein verschwindet ja nicht, wenn wir auch das Gelungene greifbar machen. Verschwinden hingegen könnte die Angst der Bürger, dem Vorfindlichen nicht gewachsen zu sein. Denn wo Angst schwindet, wächst jenes ermächtigende Gefühl, zuständig zu sein – Freiheit leben zu können, im Modus der Verantwortung. Wir hätten allen Grund, uns mehr zuzutrauen!
Wo der Dokumentarfilm dies sichtbar macht, erfüllt er keine Hilfsfunktion für die Politik. Er erweist vielmehr der Freiheit einen Dienst. Denn der mündige Bürger braucht keine beruhigende Darstellung, wohl aber Orientierung. Und Orientierung entsteht dort, wo die Wirklichkeit weder aus Gefälligkeit geschönt noch aus Gewohnheit verdunkelt wird.
Wenn ich Ihnen diese Beobachtungen mit auf den Weg gebe, habe ich eine Bitte: Verdächtigen Sie mich nicht, als wollte ich Sie zu einer affirmativen Berichterstattung verführen. Aber in Zeiten, in denen das Fundament der Demokratie angegriffen wird, sehe ich so etwas wie eine Beistandspflicht von demokratischen Medienschaffenden gegenüber der Demokratie – und das schließt jene ein, die mit der Kamera arbeiten. Jetzt ist Verteidigung angesagt, Verteidigung als Schutz der Freiheit.