
©Heidelberger Symposium
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält eine Rede in der Universität Heidelberg
Eröffnungsrede beim Heidelberger Symposium
28. Mai 2026, Heidelberg
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hat beim 37. Heidelberger Symposium zum Thema „Zeiten der Umbrüche - eine neue Verantwortung für Europa“ die Eröffnungsrede gehalten. Das Heidelberger Symposium ist eine mehrtägige, von Studierenden organisierte Veranstaltungsreihe in Heidelberg, bei der aktuelle gesellschaftliche Themen interdisziplinär diskutiert werden.
Es gilt das gesprochene Wort.
„Zeiten der Umbrüche - eine neue Verantwortung für Europa“
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Einladung nach Heidelberg. Dass dieses Symposium von Studierenden selbst getragen wird, ist in einer Zeit, in der öffentliche Debatten von Empörung, Lautstärke und Feindbildern bestimmt sind, ein hoffnungsvolles Zeichen. Sie schaffen hier einen Ort der Begegnung, des Zuhörens und der Versachlichung – dafür danke ich Ihnen.
Die Welt, in der wir uns eingerichtet hatten, ist seit einigen Jahren heftigen Erschütterungen ausgesetzt – und über das, was nun von uns Europäern verlangt wird, möchte ich heute mit Ihnen sprechen. Wir erleben die Erosion einer Ordnung, die für viele meiner Generation selbstverständlich geworden war: Verbindlichkeit der Rechtsordnung, verlässliche Bündnisse, Institutionen, die Konflikte einhegen, statt sie zu befeuern. Wo diese Ordnung schwindet, wächst der Raum für das Recht des Stärkeren – und für die Versuchung, Freiheit gegen vermeintliche Sicherheit einzutauschen.
Ich gehöre zu einer Generation, die jahrzehntelang in Unfreiheit gelebt hat – und die dann die Freiheit erkämpft hat. Diese Erfahrung hat mich gelehrt: Freiheit ist nichts, was uns ganz selbstverständlich zu eigen ist. Sie ist uns anvertraut – und wir müssen sie an nachfolgende Generationen weitergeben.
Die geopolitische Lage hat sich verschärft. Gerade wir in Europa müssen neu bestimmen, was wir leisten wollen – und was wir leisten können. Andere Mächte testen längst, wie weit sie gehen können. Gewalt kehrt als Mittel der Politik zurück. Einflusszonen werden beansprucht, Grenzen werden infrage gestellt. Viele Menschen spüren: Das ist keine vorübergehende Krise „da draußen". Es ist eine Bewährungsprobe für uns selbst – für unsere Bereitschaft, neue Kosten zu tragen, Prioritäten zu setzen und unangenehme Wahrheiten anzuerkennen. Freiheit ist nicht bequem. Sie verlangt von uns, Ängste zu zähmen und Mut als eine Menschenmöglichkeit zu erkennen, sie verlangt, Verantwortung zu wagen.
Nun begegnen wir uns nur wenige Wochen nach dem Machtwechsel in Ungarn – einer Erneuerung, die man historisch nennen darf. Die 16 Jahre unter Viktor Orbán haben gezeigt, wie schnell eine freie Gesellschaft unter Druck geraten kann – und mit ihr die Freiheit von Medien, Gerichten und Wissenschaft. Wenn Regierende Institutionen nicht mehr als anvertrautes Gut begreifen, sondern als Verfügungsmasse, verliert eine Demokratie Schritt für Schritt an Substanz. Wir wissen: Solche Prozesse beginnen schleichend – mit kontrollierten Informationen, mit instrumentalisiertem Recht, mit eingeschüchterten Redaktionen, und mit der Gewöhnung daran, dass „die anderen" weniger Rechte haben sollen. Und doch zeigt der Machtwechsel in Budapest, dass demokratische Selbstkorrektur möglich ist – wenn Bürgerinnen und Bürger, Zivilgesellschaft und unabhängige Medien zusammenwirken.
Was aber ist Europas Aufgabe in einer Welt, die sich schneller verändert, als wir es lange wahrhaben wollten? Ich möchte diese Aufgabe in drei Worten bündeln: Verteidigungsfähigkeit, Zukunftsfähigkeit, Widerstandskraft. Verteidigungsfähigkeit gegen äußere Aggression. Zukunftsfähigkeit im KI-Zeitalter. Und Widerstandskraft gegen Angriffe auf das demokratische Gemeinwesen von innen und außen.
Freiheit entfaltet sich nur in einer rechtsstaatlichen Ordnung von Frieden und Sicherheit. Europa müssen wir daher wahrnehmen als etwas, das mehr ist als ein gemeinsamer Markt oder ein historischer Erinnerungsraum. Europa ist ein Raum des Rechts, in dem Macht gebunden wird und die Menschenwürde gilt; in dem der Starke nicht „durchregiert" und der Schwächere nicht auf die Gnade der Mehrheit angewiesen ist. Dieses Versprechen ist letztlich Europas eigentliche strategische Ressource. Es garantiert Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Es unterscheidet uns von jenen, die wieder offen von „Großräumen" und „Einflusszonen" sprechen.
Freilich wissen wir auch: Dieses Europa ist nicht fertig, und seine Errungenschaften sind nicht unangreifbar. Kritik an der Europäischen Union ist legitim. Aber das Narrativ der Populisten, das den Rückzug ins Nationale zur Rettung umdeutet, verkauft eine Illusion: als könne man die Zumutungen der Gegenwart einfach ignorieren.
Wer sich zurückzieht, wird in einer raueren Welt nicht freier, sondern abhängiger: von Energie, von Technologie, von den Waffen anderer. Der Maßstab ist nicht das vermeintlich wohligere Gefühl des Für-sich-Seins und der Abgrenzung, sondern die Bewahrung unserer Handlungsfähigkeit. Und das heißt: entscheiden können, bevor andere für uns entscheiden; eigene Optionen haben – bei Energie, bei Daten, bei Schlüsseltechnologien, bei Verteidigung.
Genau hier beginnt Zukunftsfähigkeit: die Fähigkeit, Wertschöpfung, Wissen und Innovationskraft in Europa zu halten – und nicht nur Konsument fremder Plattformen, Chips und Standards zu sein. Zukunftsfähigkeit ist eine Frage des Wohlstandes, aber sie ist zunehmend auch ein Sicherheitsfaktor.
Und genau darum geht es, wenn wir von europäischer Souveränität sprechen: nicht andere zu beherrschen, sondern zu verhindern, von anderen beherrscht zu werden. Europa muss sich in die Lage versetzen, als Akteur zu handeln – militärisch, technologisch, wirtschaftlich und diplomatisch –, damit es seine Freiheit, seine Werte und seine Lebensweise schützt. Wenn wir diese Handlungsfähigkeit nicht entwickeln, werden wir mit Entscheidungen leben müssen, die nicht in Europa gefällt werden.
In einer Welt, in der Konsens in großen Foren schwerer zu erreichen ist, sprechen viele von ‚coalitions of the willing' – oder von einer ‚variablen Geometrie': von Zusammenschlüssen der willigen und fähigen Staaten je nach Aufgabe. Ich verstehe das nicht als Abschied von EU, NATO oder den Vereinten Nationen. Aber es kann eine Antwort auf verschieden Blockaden sein. Zum Beispiel: Wenn das Prinzip der Einstimmigkeit Handlungsfähigkeit erschwert, müssen Demokratien Wege finden, trotzdem entschlossen zu agieren – natürlich stets gebunden an Recht und politisch legitimiert. Diese Flexibilität ist kein Ersatz für Institutionen, sondern ein Instrument, um ihre Ziele zu sichern: Schutz, Abschreckung, Resilienz – und die Verteidigung der Freiheit.
Meine Damen und Herren,
Politik verantwortet nicht nur das, was sie tut. Sie verantwortet auch, was sie unterlässt. Nicht-Handeln ist eine Entscheidung – und in einer vernetzten Welt können die Folgen des Unterlassens ebenso gravierend sein wie die des Eingreifens, manchmal gravierender.
Wir sehen ein Europa, das zu oft Objekt der Veränderungen ist, statt als Subjekt autonom zu sein. Der Hauptverbündete auf der anderen Seite des Atlantiks, auf den wir uns über Jahrzehnte verlassen konnten, ist unbeständig geworden. Wir sehen mit Schrecken: auch demokratisch gewählte Führer stellen internationale Verträge infrage – und suchen bisweilen engere Verbindungen nach Moskau als nach Brüssel. Wir Europäer müssen also erwachsener werden: nicht anti-amerikanisch, nicht mit Abgrenzungsreflexen – aber im klaren Bewusstsein, dass unsere Sicherheit nicht dauerhaft und nicht maßgeblich von der innenpolitischen Stimmungslage anderer abhängen darf.
Und eine weitere Bedrohungssituation wächst heran. Die Volksrepublik China entwickelt sich zunehmend zu einem autoritären Gegenspieler, der wirtschaftliche und technologische Macht strategisch einsetzt. Das verlangt nach einer neuen Positionierung und europäischer Geschlossenheit.
Für uns Europäer am bedrückendsten ist jedoch die akute Bedrohung durch Russland: ein Machthaber im Kreml, der mit offener Aggression und neoimperialen Ansprüchen auftritt. Putins Angriff richtet sich in erster Linie gegen die Ukraine. Sie soll ihrer Eigenständigkeit beraubt und russischer Verfügung unterstellt werden. Aber auch allen Staaten, die zu Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat stehen, hat Putin seine Gegnerschaft erklärt. Erst spät haben wir den hybriden Krieg ernst genommen, den er seit langem auch gegen uns führt: mit Cyberangriffen, Sabotage, Desinformation, Drohungen – bis hin zu jener perfiden Praxis, Menschen als „Wegwerfagenten" zu instrumentalisieren. Diese europaweiten Angriffe zielen nicht nur auf Netze, Leitungen und Server. Und seine Propaganda zielt auf unsere Urteilsfähigkeit – auf das, was eine Demokratie zusammenhält: die Bereitschaft, sich vom besseren Argument überzeugen zu lassen, statt sich in polarisierten Lagern einzurichten.
Gerade deshalb ist es ein Irrweg, zu glauben, wir könnten das Rad der Zeit zurückdrehen. Genau darauf läuft es hinaus, wenn einige fordern: Wir sollten die Sanktionen lockern, rasch zu einem Waffenstillstand kommen und zu vermeintlich profitablen Energiebeziehungen mit Russland zurückkehren. Ich verstehe die Sorgen um Arbeitsplätze und bezahlbare Energie sehr gut. Ein freiheitliches Land darf die ökonomische Basis seines Wohlstands nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Aber wenn ein Staat Grenzen verschiebt und sein Herrschaftsgebiet mit Gewalt ausdehnen will, geht es um die Grundprinzipien der europäischen Friedensordnung, um das Recht der Völker auf Selbstbestimmung. Wenn eine fremde Macht zugleich versucht, unserer Öffentlichkeit Propaganda aufzudrücken, unsere Wirtschaft in Abhängigkeit zu bringen und Politiker gefügig zu machen, untergräbt sie unsere demokratische Ordnung an sich. Das ist das Gegenteil von Partnerschaft.
Putin steht gegenwärtig unter gewaltigem Druck, weil er sich verkalkuliert hat: Die Vollinvasion zehrt Russland materiell und personell aus. Und die Ukraine hat sich nicht nur mutig und klug verteidigt, sie hat sich auch technologisch weiterentwickelt. Damit rückt ein gerechter Friedensschluss näher, einer, der nicht von Russland diktiert wird.
Gerade deshalb dürfen wir uns nicht in einen „Kompromiss" hineinreden lassen, der eine Prämie für den Aggressor bedeuten würde. Eine politische Lösung verdient diesen Namen nur, wenn die Ukraine in voller Souveränität bestehen bleibt – einschließlich des Rechts, ihre Bündnisse selbst zu wählen. Sie verdient diesen Namen nur, wenn die Eroberungen seit 2014 nicht anerkannt werden, wenn Russland sich zurückzieht und Wiedergutmachung leistet, wenn alle Gefangenen freikommen und die entführten Kinder zurückkehren – und wenn belastbare Sicherheitsgarantien einen neuen Angriff ausschließen.
Zugleich sollten wir wahrnehmen: Die Ukraine ist längst nicht nur Empfänger unserer Unterstützung – sie wird selbst immer stärker zum Sicherheitspartner Europas. Was dort unter dem Druck des Krieges an Innovation entsteht, gerade in der Drohnenkriegsführung, stärkt schon heute europäische Fähigkeiten, bis hin zur Ko-Produktion mit Deutschland. Wir brauchen die Ukraine zur Stärkung der Sicherheitsmechanismen für Russlands Nachbarn – und für Europa insgesamt.
Wir Deutschen haben uns in der Vorstellung eingerichtet, dass politischer Wandel quasi automatisch durch möglichst enge Handelsbeziehungen entsteht. Wir müssen heute eingestehen, dass diese Annahme zu schön war, um wahr zu sein. Weder waren die Gasleitungen in der Ostsee ein privatwirtschaftliches Projekt, noch lässt sich jeder Konflikt durch gutes Zureden beenden. Freiheit und Wohlstand sind nur sicher, wenn Macht sich an Recht bindet; und wenn Angegriffene darauf vertrauen können, dass wir solidarisch sind; und wenn wir eine Wehrhaftigkeit entwickeln, die stark genug ist, einen Angreifer wie Russland abzuschrecken.
Meine Damen und Herren,
das außenpolitisch aggressive Auftreten der gegenwärtigen US-Administration beraubt uns einer weiteren Illusion, nämlich, dass wir uns nicht auf Dauer auf den NATO-Beistand der Vereinigten Staaten verlassen können. Für mich bedeutet das nicht, dass wir das Bündnis voreilig aufgeben sollten. Aber es ist klar: Europa muss stärker für sich selbst einstehen – politisch, wirtschaftlich, sicherheitspolitisch. Wir dürfen uns nicht in eine kritiklose Gefolgschaft begeben, wenn berechtigte völkerrechtliche Fragen – wie im Fall des Kriegs gegen den Iran – unbeantwortet bleiben. Wer Partner sein will, muss auch widersprechen können.
Der Krieg gegen den Iran macht zudem sichtbar, wie schnell regionale Konflikte zu globalen Unsicherheitsfaktoren werden. Seine Folgen reichen bis in unseren Alltag: bei den Energiepreisen, den Lieferketten, und der Destabilisierung ganzer Regionen. Gerade weil Deutschland und Europa nicht zuletzt über den Export so eng mit der Welt verflochten sind, ist die Vorstellung trügerisch, wir könnten uns aus solchen Krisen heraushalten und somit verschont bleiben. Partnerschaft löscht nicht unsere Urteilskraft – und diese verlangt, dass wir unsere Interessen und unsere Werte benennen und vertreten.
Darum müssen wir die europäische Verteidigungsfähigkeit stärken, unseren Beitrag im Bündnis leisten und bereit sein, unsere wirtschaftliche Kraft auch in die Sicherung unserer Freiheit zu investieren. Ich weiß, dass vielen der Gedanke an Wehrfähigkeit fremd erscheint, ja bisweilen auch Ängste auslöst. Das Wort vom ‚kriegstüchtigen' Land mag manchen befremden – und ich habe dafür auch Verständnis. Aber kriegstüchtig zu werden heißt nicht, kriegslüstern zu sein. Es heißt, so vorbereitet und so stark zu sein, dass ein möglicher Angreifer die Folgen eines Angriffs mehr fürchtet als seinen Nutzen. Ich begrüße deshalb die Investitionen in unsere Verteidigungsfähigkeit und die Überlegungen zu einem der Lage angemessenen Wehrdienst – wohlgemerkt: nicht um Krieg zu führen, sondern um Krieg zu verhindern. Wehrlosigkeit ist keine Tugend – sie verführt den Aggressor, mehr Krieg zu wagen.
Als größtes EU-Mitglied trägt unser Land eine besondere Verantwortung. Aber wenn wir stärker werden, darf das unsere Nachbarn nicht beunruhigen; unsere Stärke muss Vertrauen stiften. Europa braucht ein Deutschland, das Führung annimmt, ohne zu dominieren – verlässlich in seinen Zusagen und zugleich offen für die Perspektive derer, die näher an der Frontlinie leben und die Bedrohung unmittelbarer spüren. Mehr Verantwortung bedeutet dabei nicht mehr Alleingänge. Im Gegenteil: In einer Welt, in der kein Staat die großen Fragen allein lösen kann, wird Verantwortung zur Mitverantwortung – zur Fähigkeit, Bündnisse zu pflegen, Lasten fair zu teilen und gemeinsam Gestaltungskraft zu gewinnen.
Meine Damen und Herren,
schon die äußeren Gefahren fordern uns. Aber sie wären leichter zu bestehen, wenn wir im Innern nicht an uns selbst zweifelten. Wir leben in einer Zeit der großen Übergänge: demografischer Wandel, Klimawandel, Migration, Künstliche Intelligenz – Entwicklungen, die nicht warten, bis wir uns sortiert haben. Angesichts des massiven Wandels erleben viele Menschen die Politik als tastend, unentschlossen und überfordert.
Die Frage, die sich so viele stellen, ist berechtigt: Hält unsere Demokratie das aus? Kann sie sich schützen – und zugleich die großen Aufgaben lösen? Ich will nicht verharmlosen: Ja, es gibt Grund zur Sorge. Aber es gibt auch Grund zur Zuversicht. Denn unsere Ordnung ruht nicht allein auf Regierungen und Parlamenten. Sie lebt auch von einer Bürgergesellschaft, die sich nicht in die Zuschauerrolle drängen lässt. Demokratie ist kein Zustand, den man besitzt; sie ist eine Praxis, die man ausübt. Diese Praxis kann anstrengend sein, und sie ist mit Sicherheit anstrengender als noch vor zehn oder 15 Jahren: Sie verlangt Geduld für Verfahren, Bereitschaft zur Komplexität und den Mut, manchmal auch gegen den Strom zu argumentieren. Sie lebt davon, dass Menschen mit klarer Haltung für etwas einstehen, nicht nur gegen etwas.
Illiberale Politik gibt sich gern den Anschein des Unvermeidlichen: als wäre längst entschieden, dass freie Institutionen weichen müssen, als sei die liberale Demokratie ein Auslaufmodell. Der Machtwechsel in Ungarn widerspricht diesem Fatalismus. Er erinnert uns daran, dass offene Gesellschaften widerstandsfähiger sind, als man manchmal glaubt. Sie tragen Kräfte in sich, die stärker sind als die vielen Ängstlichen glauben. Wir haben heute neu zu lernen, dass wir mit Vernunft, Mut und Verantwortungsgefühl das verteidigen und ausbauen, was Menschen vor uns erreichtet haben. Wenn, wie in Ungarn, ein System, das sich über Jahre festgesetzt hat, durch Wahlen abgelöst werden kann, ist Illiberalismus keineswegs unabwendbar. Er ist eine politische Versuchung – und er kann politisch überwunden werden, wenn Menschen sich nicht in dauernde Kränkung, in Misstrauen und in den Ruf nach dem „starken Mann" flüchten.
Hier liegt Europas Aufgabe: Es muss nach außen wehrhaft werden, damit es nicht erpressbar ist – und nach innen widerstandsfähig bleiben, damit es frei bleibt. Wehrhaftigkeit bedeutet: Schutz der kritischen Infrastruktur, Verringerung gefährlicher Abhängigkeiten, Bündelung von Fähigkeiten, Entschlossenheit zum rechtzeitigen Handeln. Widerstandsfähigkeit bedeutet: Rechtsstaatlichkeit, die den Streit zivilisiert; Verfahren, die Macht binden; eine Debattenkultur, in der Argumente gelten und Menschen nicht verächtlich gemacht werden. Wer Freiheit schützen will, darf sie nicht im Namen der Sicherheit beschädigen. Dazu gehört – gerade im KI-Zeitalter – auch digitale Resilienz: die Fähigkeit, Manipulation zu erkennen, Herkunft und Integrität von Informationen zu prüfen, und Technologien so zu gestalten, dass sie demokratische Prozesse stützen, statt sie zu zersetzen.
Zu dieser inneren Widerstandskraft gehört ausdrücklich die Freiheit der Wissenschaft. Wissenschaft dürfen wir nicht verwechseln mit Unfehlbarkeit. Sie schenkt uns aber eine Kultur der Begründung und der Selbstkorrektur. Nicht blindes Vertrauen in vermeintliche Autoritäten ist gefragt, aber ein grundsätzlicher Respekt vor der Mühe, Wahrheit zu suchen. Wenn wir Wissenschaft unter Generalverdacht stellen, schwächen wir uns selbst. Und wer die Freiheit der Forschung verteidigt, verteidigt damit immer auch die Freiheit des Denkens. Dazu gehört ganz praktisch, dass wir in „geistige Ressourcen" investieren: in Lehre und Forschung zu Außen-, Sicherheits- und Technologiefragen, in strategische Debattenräume, in die Fähigkeit, Cyberangriffe abzuwehren und Desinformation zu durchschauen. Denn Wehrhaftigkeit im 21. Jahrhundert ist nicht nur eine Frage von Gerät und Geld – sie ist auch eine Aufgabe für die Köpfe und die Institutionen, die ihre Urteilskraft in derart schwierigen Zeiten stärken müssen.
Meine Damen und Herren,
wenn ich in diesen Saal blicke, sehe ich junge Menschen, die sich Gedanken machen über ihren eigenen Weg – aber auch über die Zukunft unseres Landes, Europas und der offenen Gesellschaft. Ich spüre, dass Sie sich Fragen stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Ich halte das nicht für ein Defizit, sondern für einen Anfang: für den Beginn politischer Mündigkeit. Denn Mündigkeit zeigt sich nicht in schneller Gewissheit, sondern im Ringen um Urteilskraft.
Manche hatten sich daran gewöhnt, dass Frieden, Recht und Wohlstand gleichsam von selbst „laufen". Nun zeigt sich: Nichts davon bleibt, wenn wir es nicht pflegen und schützen. In einer Welt, in der Macht wieder gröber auftritt, in der Wahrheit verächtlich gemacht und Vertrauen systematisch unterminiert wird, ist Demokratie keine Selbstverständlichkeit – sie wird mehr und mehr zu einer Aufgabe. Sie kommt nicht ohne Streit aus, aber ihr Streit ist einer, der Regeln achtet. Sie verlangt Mut, aber keinen Übermut. Und sie verlangt Verantwortung – nicht nur für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir unterlassen.
Lassen Sie mich am Ende zwei Bitten an Sie richten. Erstens: Lassen Sie sich nicht zum Zynismus verführen. Zweitens: Haben Sie Zutrauen – zu sich selbst, zu Ihren Mitbürgern und zu diesem Land. Nicht weil wir „die" Nation wären, sondern weil wir diese Nation sind: eine freiheitliche Demokratie, die aus ihrer Geschichte gelernt hat und gerade deshalb verlässlich sein kann für ihre Partner. Gestalten Sie mit: neugierig, widerspruchsfähig, aber vor allem verantwortungsbereit. Offene Gesellschaften leben nicht von Zuschauern. Sie leben von verantwortlichen Bürgerinnen und Bürgern.