Bundespräsident a.D. Joachim Gauck

Laudatio Durs Grünbein

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Bundespräsident a.D. Joachim Gauck spricht bei der Verleihung des Erich-Loest-Preises in der Villa Ida

©Medienstiftung - Volkmar Heinz

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck spricht bei der Verleihung des Erich-Loest-Preises in der Villa Ida

Laudatio auf Durs Grünbein

24. Februar 2026, Leipzig

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hat anlässlich der Verleihung des Erich-Loest-Preises die Laudatio auf den Lyriker Durs Grünbein gehalten. Der Preis würdigt Autorinnen und Autoren, die gesellschaftliche und politische Verhältnisse in Deutschland nicht nur literarisch „abbilden“, sondern sich mit ihrer Stimme in den demokratischen Diskurs einmischen.

Änderungen vorbehalten.
Es gilt das gesprochene Wort.

Wir sind heute in Leipzig versammelt – in einer Stadt, die wie wenige andere für die Erfahrung steht, dass Menschen den Lauf der Geschichte verändern können. Und wir tun es aus einem besonderen Anlass: Erich Loest wäre am 24. Februar 2026 hundert Jahre alt geworden. Zugleich wird heute – aus Anlass dieses Jahrestags – der Erich-Loest-Preis 2026 verliehen.

Erich Loest war ein Schriftsteller, der nicht nur erzählte, sondern bezeugte. Einer, der den Preis der Unfreiheit kannte – aus eigener Erfahrung. Und einer, der uns daran erinnert: Wenn ein Staat den Menschen die Freiheit nimmt, dann nimmt er ihnen oft als Erstes die Sprache – oder er biegt sie so zurecht, dass sie nicht mehr aufklärt, sondern in die Irre führt, verführt und betäubt.

Dass wir einen Literaturpreis nach ihm benennen, ist darum mehr als eine Ehrung. Es ist auch eine Selbstverpflichtung.

Der Erich-Loest-Preis, so heißt es, würdigt Autorinnen und Autoren, „die die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Deutschland nicht nur beschreiben, sondern mit ihrer Stimme den demokratischen Diskurs mitgestalten“.

Das ist ein anspruchsvoller Maßstab. Denn beschreiben kann man aus sicherer Entfernung. Mitgestalten aber heißt: sich hineinbegeben in die Unübersichtlichkeit der Gegenwart – in ihre Konflikte, ihre Versuchungen, ihre Bequemlichkeiten. Und es heißt: die eigene Stimme nicht als Ornament zu verstehen, sondern als eine, meine Kraft, Verantwortung zu übernehmen.

Demokratie lebt nicht allein von Institutionen. Sie lebt von einer Kultur der Wahrhaftigkeit: vom Willen, genau hinzusehen; vom Mut, die Dinge beim Namen zu nennen; unter anderem von der Fähigkeit, auch dem Andersdenkenden noch als Bürger zu begegnen – nicht als Feind.

Diese Kultur kann mit einem unscheinbaren Satz beginnen. In der Art, wie wir sprechen. In dem, was wir weglassen – und dem, was wir uns zu sagen trauen.

Darum ist es folgerichtig, dass die Jury in diesem Jahr mit Durs Grünbein einem Autor den Preis zuspricht, der seit Jahrzehnten daran arbeitet, mit Sprache nicht zu beruhigen, sondern unsere Sehkraft zu stärken; nicht zu verhüllen, sondern sichtbar zu machen, wann und wo wir uns verlieren und wo wir aufgerufen sind, uns mit den je eigenen Gaben einzubringen.

Ich will offen sprechen: Als ich gebeten wurde, die Laudatio zu halten, war mein erster Impuls: Absage – mir fehlt die Sicherheit des Kenners. Ich kannte Grünbein – aber ich hatte mich seinem Werk nicht so ausgesetzt, wie man sich einem Werk aussetzen muss, um ihm gerecht zu werden. Ich komme also nicht mit ausreichenden germanistischen Kenntnissen zu Ihnen, wohl aber mit hinreichendem Respekt und mit Bewunderung für die Schaffenskraft eines Individuums, das einst im abgesperrten Lebensraum der Diktatur den Heranwachsenden mit anmaßender Großmäuligkeit, mit seinen Brüchen und Scherben um seine Lebenskraft, seine Einmaligkeit bringen wollte. 

Verehrte Damen und Herren,

die Jury hebt in ihrer Entscheidung ausdrücklich Grünbeins erzählerische und essayistische Prosa hervor – und nennt dabei unter anderem „Die Jahre im Zoo“ (2017), „Jenseits der Literatur“ (2020) und „Der Komet“ (2023).

Sie beschreibt – und ich zitiere – ein zentrales Bewegungsmuster dieses Schreibens:
„Grünbein erkundet das Zusammenspiel von Sprache, Fotografien, Gedächtnis und Fiktionen, bezogen auf das Trauma der Zerstörung seiner Geburtsstadt Dresden sowie auf die Mechanismen totalitärer Herrschaft und Gewaltgeschichte im 20. Jahrhundert.“

Das ist eine Form von Literatur, die nicht bei der Betrachtung der Kulissen der Geschichte stehenbleibt. Sie fragt: Was macht Geschichte mit uns – mit unseren Bildern, unseren Gefühlen, unseren Deutungen? Wo wirkt sie weiter, obwohl wir längst „Gegenwart“ sagen?

Und die Jury fügt – wiederum wörtlich – eine zweite, entscheidende Perspektive hinzu:
„Grünbeins Blick auf die eigene und auf andere, oft randständige Lebensgeschichten, auf die materialen und psychischen Spuren des Vergangenen ist dabei niemals nur historisch orientiert, sondern erfolgt aus der Perspektive desjenigen, der auch die Unwägbarkeiten des Erinnerns mitdenkt und die politischen Verwerfungen und Vergiftungen der Gegenwart wach reflektiert.“

Das Wort „Vergiftungen“ ist hart. Aber es ist treffend. Denn wir erleben in unserer Zeit neu: Wo die Sprache verroht, verroht auch der Blick auf den anderen. Wo Worte nur noch als Waffen gebraucht werden, verschwindet eine gemeinsame Wirklichkeit. Dann wird nicht nur gestritten, dann wird das humanum demontiert.

Durs Grünbein ist kein Autor der Parole. Er ist auch kein Autor der schnellen moralischen Abkürzung. Seine Texte arbeiten gegen die Verflachung – indem sie differenzieren. Nicht aus Lust an der Kompliziertheit, sondern aus Respekt vor der Wirklichkeit.

Und genau hierin liegt etwas, das ich als zutiefst demokratisch empfinde: Die Freiheit, die wir politisch verteidigen müssen, braucht eine Freiheit des Denkens – eine innere Unabhängigkeit. Eine Resistenz gegen den Sog der Masse, gegen den Sog von modischen Trends, gegen die Verlockung, es sich in einfachen Erzählungen bequem zu machen.

Lieber Durs Grünbein,

Ihr Lebensweg ist eng mit den Erfahrungen deutscher Geschichte verbunden. Sie wurden 1962 in Dresden geboren, zogen 1985 nach Ost-Berlin, begannen ein Studium der Theaterwissenschaft und entschieden sich 1987 endgültig für das Schreiben.

Und doch ist es mehr als eine Abfolge von Stationen. Es ist ein Werdegang, an dem man lernen kann, was Herkunft bedeutet – und was Freiheit daraus macht.

Lassen Sie mich an dieser Stelle Leipzig noch einmal beim Namen nennen.

Am 9. Oktober 1989 besiegten hier rund 70.000 Menschen ihre Angst vor Repressionen und Geheimpolizei – ein Schlüsselmoment der Friedlichen Revolution. Es war kein heldischer Rausch, wohl aber ein kollektiver Ausbruch aus der Ohnmacht. Es war etwas Schwierigeres – und etwas Großes, das die Beteiligten lange nicht mehr für möglich gehalten hatten: eine bürgerschaftliche Selbstbehauptung. Menschen, die nicht mehr bereit waren, die Lüge der Macht zu akzeptieren. Menschen, die aufstanden, ohne zu wissen, ob sie die Ziele wirklich erreichen konnten, die sie anstrebten.

Und wenn wir heute, Jahre später, an diesen Abend denken, dann verstehen wir vielleicht neu: Freiheit ist nicht nur ein Zustand. Freiheit ist ein Tun. Ein Schritt. Oft ein zitternder Schritt. Aber wird er denn gewagt, beginnt mit diesem einen Schritt ein Weg.

Sie, lieber Durs Grünbein, sind am 9. Oktober 1962 in Dresden geboren. Dass sich in Ihrem Lebensbogen dieser Tag zweimal einschreibt – als Geburtstagsdatum und als Leipziger Freiheitsdatum –, ist mehr als eine zufällige Kalendertatsache. Es ist, wenn ich so sagen darf, eine Erinnerung daran, wie eng Biografie und Geschichte in Deutschland miteinander verwoben sind.

Was bedeutet es, in einem Staat aufzuwachsen, der die Bürger nicht als mündige Subjekte behandelt, sondern als Objekte seiner Kontrolle?

In Ihrem Buch „Die Jahre im Zoo“ beschreiben Sie dieses Lebensgefühl – die Enge, die Irrealität, die Sehnsucht nach einem „Jenseits“. Dort heißt es:

„Damals begann ich davon zu träumen, die Stadt zu verlassen, das Land, diese ganze, in sich kreisende, vor sich hin dämmernde Geisterbahnwelt. Erwachend stellte ich mir vor, auf einen Zug aufzuspringen und die Irrealität dieses real existierenden Sozialismus gegen irgendein Jenseits zu tauschen – gern auch für immer.“

Sehr geehrte Damen und Herren,

wer so schreibt, macht aus Erinnerung keine Nostalgie. Er macht aus Erinnerung eine Prüfung.

Denn es ist ja nicht so, dass Diktatur nur aus Verboten besteht. Diktatur besteht aus einem Klima. Aus kleinen Drohungen. Aus großem Schweigen. Aus der Gewöhnung daran, dass man sich selbst zensiert, bevor es ein anderer tut.

Und hier liegt, so scheint mir, etwas sehr Wichtiges in Grünbeins Werk: ein feines Sensorium, das aus dem Alltag der Überwachung hervorgehen kann. Wer erlebt hat, wie ein Staat tief in das Privatleben, das Denken, die Sprache eingreift, der wird empfindlich für Bedrohungen von Freiheit – auch dort, wo sie auf den ersten Blick noch nicht bedrohlich erscheinen. Er erkennt früher, wenn Begriffe entkernt werden. Wenn man Komplexität zur Zumutung erklärt. Wenn man den anderen nicht mehr widerlegt, sondern verachtet.

Diese Empfindsamkeit ist kein Luxus. Sie ist eine sowohl eine menschliche als auch eine demokratische Ressource. Wir bedürfen ihrer.

Denn auch in freien Gesellschaften ist Sprache bedroht – nicht durch staatliche Zensur allein, sondern durch etwas, das manchmal harmlos wirkt und doch zerstörerisch ist: durch die ständige Verlockung, es sich zu einfach zu machen. Durch die Versuchung, den Gegner zu dämonisieren, statt ihn zu überzeugen. Durch die Lust am Krawall, die sich als Mut tarnt.

Grünbein reagiert darauf ja oftmals durchaus mit Varianten von Belehrung. Für mich ist das aber nicht die Herausstellung eigener umfassender Kenntnisse durch einen Autor. Er reagiert – als Dichter – mit Präzision. Mit der Absicht, die Dinge wieder konturiert zu sehen. Und das hat nicht nur eine erhellende, sondern auch eine politische Wirkung: Wer präzise spricht, macht Manipulation schwerer.

Verehrte Damen und Herren,

die Jury fasst diese Verbindung von Sprache und Freiheit in einem Satz zusammen, der in seiner Schlichtheit beinahe eine Maxime ist. Grünbein zeige – „im Sinne Loests“ und mit den Mitteln einer „sinnlichen, unsentimentalen und kommunikativen Sprache“ –, „dass Freiheit und das Bewusstsein der Gegenwart von Geschichte zusammenhängen“.

Das ist eine schlichte, aber unbequeme Wahrheit. Denn sie bedeutet: Wir können Freiheit nicht besitzen wie Eigentum. Wir können sie nur leben – und verteidigen. Und wir verteidigen sie nicht nur mit Gesetzen und Polizei. Wir verteidigen sie mit dem, was wir uns selbst zumuten: gelebter Verantwortung, mit Wahrheitssinn, Toleranz, und der Bereitschaft zu Selbstkorrektur.

Gerade darum ist Grünbeins „Spurensicherung“ – dieses wache Registrieren der „materialen und psychischen Spuren“ – keine bloße literarische Methode. Sie ist eine Haltung. Eine Haltung gegen das Vergessen. Und gegen die Versuchung, zu verbergen oder zu entsorgen, was uns erschreckt und zutiefst verunsichert hat. Geschichte ernst zu nehmen, bedeutet auch, sich der menschlichen Neigung zu verweigern, das Abgründige zu bannen, indem wir zwischen uns und dem Vergangenen die schön bestickten Vorhänge der Nostalgie aufziehen.

Was heißt das konkret?

Es heißt: Grünbein zieht das Politische zum Beispiel in den Stadtraum, in die viel begangenen Wege, in jene Zonen, in denen Geschichte weiterläuft, obwohl wir schon „Gegenwart“ dazu sagen.

Hören wir, wie das klingen kann – wie eine Stadt zur Erinnerungsspur wird, wie Architektur zu einer Grammatik aus Stein:

„Ostberlin: Es gibt sie noch immer/ mitten im Zentrum,
die Magistralen,/ Straßen der leeren Versprechen,
Autopisten, achtspurig, für Utopisten,/ eine Großspurigkeit von gestern,
Kleinlaut geworden in urbaner Routine./ Ein Hochhauseinerlei von hier bis weit
hinter Warschau, Moskau und weiter./ Ein Schnitt durch die Stadt: anonyme
Architekturen entlang einer Autobahn,
die im fortwährenden Rauschen/ ganze Wohnbezirke betäubt.
Und jetzt versuch, das zu lieben,/ denn es wird so nicht wiederkehren
mit all seiner roten, grauen Energie,
aber auch nie mehr richtig vergehen.“

Das ist kein politisches Statement im Sinne einer Parole. Hier wird nicht „über Ost“ oder „über Stadtentwicklung“ gesprochen, als wären es Schlagworte. Hier wird sichtbar, wie Verhältnisse in uns hineinwirken: als gebaute Versprechen, als „Großspurigkeit von gestern“, die heute als Routine weiterrauscht – so konstant, dass sie, wie ein Dauergeräusch, ganze Bezirke betäubt.

Und dann dieser Satz, diese Zumutung: „Und jetzt versuch, das zu lieben“.

Das ist keine Sentimentalität. Es ist eine Zumutung an die eigene Wahrnehmung: Halte die Ambivalenz aus. Sieh, was war. Sieh, was daraus geworden ist. Und nimm ernst, dass auch das, was unerquicklich ist, Teil deiner Gegenwart bleibt – weil es nicht einfach verschwindet, selbst wenn es sich verwandelt.

Da wird eine Spurensicherung versucht, die unserem Bewusstsein einen Auftrag gibt: Sieh es doch einmal so, unsere Gegenwart ist selten „nur jetzt“. Das Vorherige ist eingewoben ins Gegenwärtige. Durs Grünbein arbeitet daran, dies sichtbar zu machen – als Stärkung unserer Urteilskraft..

Spurensicherung heißt: nichts ausradieren, was unbequem ist; keine „reine“ Erzählung erfinden; nicht so tun, als könnte man Geschichte entsorgen.

Im Gedicht „Mörderrevier“ aus dem Band Äquidistanz klingt das so:

(…) Bauzäune klappen/ Im Ostwind, der fließend russisch spricht./
Die Erinnerungen gehen wie Blinde umher./
Hier war es, hier, hier und hier, flüstern/ die Stolpersteine vor jedem zwölften Haus/
Manchmal das dumpfe Gefühl, wir betreten/
Achtlos ein altes Mörderrevier.“

Man spürt: Was der Autor einmal in exakter analytischer Prosa, ein anderes Mal in politischer Eindeutigkeit in einer Rede artikuliert, hier ist es Dichtung – und es ist zugleich eine andere Form der Aufforderung, wach zu bleiben. Nicht achtlos zu werden. Nicht das Unheimliche zu verdrängen, das unter der Oberfläche der Normalität weiterlebt.

Verehrte Damen und Herren,

der Erich-Loest-Preis ehrt nicht das Werk im stillen Kämmerchen, sondern die Stimme, die in die Öffentlichkeit hineinwirkt.

Ein Beispiel dafür sind die vier Vorlesungen, die er 2019 an der Universität Oxford gehalten hat und die unter dem Titel „Jenseits der Literatur. Oxford Lectures“ vorliegen.

Ganz bewusst nenne ich in diesem Zusammenhang die Rede, die Durs Grünbein in Helsinki über die Herausforderung europäischer Werte angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine gehalten hat.  Erich Loest hätte sie gefallen, sowohl was die Analyse der Gewaltherrschaft des neuen Zaren, als auch was die Haltung des Autors betrifft.

Ich erwähne das nicht, um Literatur in Tagespolitik aufzulösen. Im Gegenteil: Ich erwähne es, weil es zeigt, was wir von einer öffentlichen Stimme erwarten dürfen.

Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine ist vieles ins Rutschen geraten, was uns lange selbstverständlich erschien. Und mit diesen Erschütterungen gerät auch unsere Sprache unter Druck. Wie sprechen wir über Freiheit, über Recht, über Gewalt – ohne in bequeme Abkürzungen zu flüchten? Ohne Parolen, die uns moralisch beruhigen, aber politisch blind machen?

Grünbeins Werk ist, in diesem Sinn, ein Gegenmedium. Wenn ein Autor die Sprache wieder so präzise macht, dass die Dinge ihre Konturen zurückgewinnen, dann geschieht etwas sehr Praktisches: Wir werden weniger anfällig für Vereinfachungen. Wir merken, wenn ein Satz uns zu schnell „haben“ will. Wir hören genauer hin, wenn ein Begriff missbraucht wird.

Auch das ist Diskursgestaltung: nicht „laut“ sein, sondern hörfähig machen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

dieser Preis ist eine öffentliche Geste. Sie enthält eine Botschaft: wir brauchen Stimmen, die nicht betäuben, sondern wecken. Nicht verletzen, sondern klären. Nicht spalten, sondern unterscheiden.

Lieber Durs Grünbein, ich gratuliere Ihnen herzlich zum Erich-Loest-Preis 2026.

Und ich danke Ihnen – als Bürger unter Bürgern – für eine Sprache, die uns etwas zutraut: Genauigkeit. Ambivalenz. Wahrheitssinn. Das ist, gerade heute, nicht einfach eine literarische Qualität. Das ist eine demokratische Tugend. Ihr Wirken, wie auch Erich Loests Leben, mahnt uns: Freiheit ist nie endgültig gewonnen. Sie will verteidigt werden – gegen die Grobheit und gegen die Gleichgültigkeit, gegen das Gift der Verachtung und gegen die Versuchung, es sich im „Das wird schon“ gemütlich zu machen.

Zum Schluss noch ein spezieller Dank an den Erklärer und den Poeten: wer den Bitterkeiten, dem menschlichen Scheitern, all dem Morden in der Vergangenheit nicht ausweicht, sondern aufsucht, was geschehen ist, obwohl es nie hätte geschehen dürfen, der lebt gefährlich; was er sieht, lädt ihn ein in die Gefilde des Nihilismus. Oder in die erwähnte beruhigte Zone des Nichtwissens. Oder in die Haltung des Zynismus, der -literarisch aufgeputzt- auch beträchtliche Aufmerksamkeit generieren kann.

Aber diese Wege will unser Autor nicht gehen. Der heutige Preis belohnt ihn dafür. Dafür, dass er sehen, sich mitteilen, das Erkennen preisen will. Dafür, dass er die Suchenden sucht und Gefundenes wie Erfundenes mit uns teilt. Danke dafür, dass er uns unablässig an etwas erinnert, das mit den Namen Leipzig, Loest, Grünbein verbunden ist: nichts muss bleiben, wie es ist. Wir sind nicht verurteilt zur Ohnmacht. Und: so menschlich all unsere Ängste es sind, so ist es doch auch menschlich, sich aus ihren Fesseln zu befreien, zu sehen, Mut ist eine Menschenmöglichkeit. Feiern wie diese erinnern uns daran, dass aus dieser Möglichkeit auch Wirklichkeit werden kann und muss.