Bundespräsident a.D. Joachim Gauck

Laudatio Winfried Kretschmann

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Bundespräsident a.D. Joachim Gauck bei dem Festakt zur Verabschiedung von Winfried Kretschmann (li.), Ministerpräsident von Baden-Württemberg

©Staatsministerium Baden-Württemberg, Ilkay Karakurt

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck bei dem Festakt zur Verabschiedung von Winfried Kretschmann (li.), Ministerpräsident von Baden-Württemberg

Laudatio auf Winfried Kretschmann

29. April 2026, Stuttgart

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hat anlässlich seines Ausscheidens aus dem Amt des Ministerpräsidenten Baden‑Württembergs eine Laudatio auf Winfried Kretschmann gehalten.

 

Es gilt das gesprochene Wort!

Wenn wir uns heute versammeln, um auf ein politisches Leben zurückzublicken, das einerseits die Geschicke eines Landes geprägt hat, darüber hinaus aber auch unsere demokratische Öffentlichkeit insgesamt, dann geschieht dies in einer Haltung der tiefen Dankbarkeit.

Und neben Dankbarkeit empfinde ich noch etwas anderes. Ich möchte es Ermutigung nennen. Sie entsteht, wenn wir auf Menschen schauen, deren Wirken zeigt: Politik ist mehr als die Verwaltung des Tagesgeschäfts. Gewiss, sie beinhaltet das Ringen um Mehrheiten und Deutungshoheit, auch das Abwägen von widerstreitenden Interessen. Aber sie geht darin nicht auf. Politik ist eine lebenslange Einladung zur Verantwortung. Zu jener Verantwortung, die dem erwachsenen Bürger zukommt. Dies ist die schönste Form der Freiheit.

Wenn ich heute über Sie spreche, lieber Herr Kretschmann, dann geschieht das zwischen öffentlicher Würdigung und persönlicher Erinnerung. So sieht man politische Biografien anders: nicht nur als Laufbahn, sondern auch als innere Entwicklung. Ein solcher Weg entsteht zwischen Herkunft und Überzeugung. Er kennt Irrtümer. Er verlangt innere Reife. Und er braucht eine Richtung, die nicht mit jeder Mode wechselt.

Bei Ihnen kann man diesen Weg gut erkennen. Und man sieht: Da ist etwas, das Sie durch all die Jahre getragen hat. Geprägt haben Sie Ihr Glaube, Ihr Bildungsweg und Ihre Liebe zur Natur. Dazu kommen die Nähe zur Philosophie, der Sinn für Klarheit und, nicht zuletzt, Ihre Zugewandtheit zu den Menschen dieses Landes.

Ich spreche häufig davon, dass Freiheit Zumutungen beinhaltet. Wenn ich auf Ihre politische Biografie blicke, dann sehe ich einen Mann vor mir, der diese Zumutungen mit größter Ernsthaftigkeit angenommen hat. Aus dem jungen Mann, der in den siebziger Jahren nach Orientierung suchte, wurde ein Erwachsener. Er erkannte: Aufbegehren ohne Verantwortung läuft ins Leere. Sie verstanden, dass politische Wirksamkeit jenen vorbehalten bleibt, die bereit sind, Komplexität auszuhalten und das Gemeinwohl über die reine Gesinnung zu stellen. So haben Sie sich früh selbst von der Illusion geheilt, im Besitz letzter Wahrheiten zu sein.

Vielleicht konnten Sie gerade deswegen später so glaubwürdig sagen, was für andere ein abstrakter Lehrsatz blieb: Dass Freiheit ohne Ordnung nicht bestehen kann. Dass Demokratie Streit braucht, aber eben auch einen institutionellen Rahmen. Dass Mut mehr ist als Lautstärke. Und dass Veränderung nur gelingt, wenn man Bewährtes nicht außer Acht lässt.

Wenn wir auf die Anfänge Ihres politischen Weges schauen, sehen wir zunächst einen jungen Mann, den die harten Erfahrungen des Internats geprägt haben. Dort zeigte sich Autorität nicht selten in autoritären Gesten. Aus jener Erfahrung erwuchs ein lebenslanger Widerwille gegenüber jeder Form des Obrigkeitsdenkens und zugleich die Neigung, Ordnung nur dort zu achten, wo sie nicht die Würde beschneidet, sondern das Gemeinwesen stützt.

Es folgte die Zeit der politischen Radikalität, jene Phase des Suchens, in der viele Ihrer Generation – und manche von uns in anderer Weise – die Enge der bestehenden gesellschaftlichen Strukturen empfanden und im Aufbruch in neue Ideologien eine Befreiung sahen. Sie haben diese Zeit später als Irrtum bezeichnet, doch tat dies Ihrer Demokratiezugewandtheit keinen Abbruch. Im Gegenteil: Wer einen Irrtum so klar benennen kann, hat eine innere Wahrhaftigkeit gewonnen, die für ein späteres politisches Amt selten, ja kostbar ist. Nicht zuletzt durch Hannah Arendts Denken bekam dieser innere Klärungsprozess eine Richtung. Ihr Verständnis von Politik als Raum gemeinsamer Freiheit und ihr demokratischer Begriff von Macht wurden für Sie zu einem Maßstab. Sie haben die Lektion jener Jahre verwandelt in einen nüchternen, aber warmen Blick auf die Unvollkommenheit des Menschen und der Gesellschaft, mit der zugleich die bleibende Verpflichtung einhergeht, das Bessere zu suchen, ohne das Mögliche geringzuschätzen.

Als Sie 1979 zu den Gründern der baden-württembergischen Grünen gehörten, war dies weniger Zeichen ideologischer Gefolgschaft als vielmehr Ausdruck eines philosophischen Naturverständnisses, in dem der Mensch sich nicht isoliert vom Ganzen sieht, sondern als Verantwortlicher innerhalb eines empfindlichen Gefüges. Dieses Denken, das Sie in Ihrer Amtszeit zur Grundlage einer modernen, lösungsoffenen Umweltpolitik machten, zeigte bereits damals, dass Sie einen Konservatismus pflegten, der bewahrt, was uns trägt – und es durch vernünftige Veränderung zu erhalten.

Ihre ersten Jahre im Landtag, durchzogen von Flügelkämpfen innerhalb der eigenen Partei, ließen bereits jenen geduldigen Pragmatismus erkennen, der später zum Markenzeichen Ihrer Regierungszeit werden sollte. Sie mieden das schrille Wort – nicht aus Feigheit, sondern aus intellektueller Redlichkeit. Sie waren kein Politiker, der den Konflikt scheut, doch einer, der ihn zu zügeln wusste, damit aus ihm die Möglichkeit der Verständigung erwachsen kann.

Ihre Wahl in das Amt des Ministerpräsidenten im Jahr 2011 lässt sich als kulturprägend beschreiben. Ein Mann, der sich selbst als „wertkonservativ“ verstand, übernahm die Führung eines Landes, dessen politische Traditionen Ihnen – rein äußerlich betrachtet – nicht hätten ferner liegen können. Sie brachten einen Stil mit, der das Zuhören und Bürgerbeteiligung als Regierungsinstrument verstand – als Ausdruck eines demokratischen Ernstes, der den Menschen zutraut, sich einzumischen. Darin klang unverkennbar Hannah Arendt an: die Einsicht, dass Politik vom öffentlichen Handeln der Verschiedenen lebt. Ebenso pflegten Sie einen Stil, der die Zumutungen moderner Politik nicht versuchte zu verstecken, sondern in einer besonnenen Sprache erklärte – ohne aber vorschnell fertige Wahrheiten auszugeben.

Und so geschah etwas, das selbst Ihre Kritiker überraschte: Die Menschen im Land nahmen Sie an. Weil Sie etwas ausstrahlten, das in einer Zeit moralischer Gewissheiten und schneller Urteile rar geworden ist: Vertrauen. Dieses Vertrauen gründete in einer tiefen Ernsthaftigkeit, die Sie nie ablegten. Sie redeten langsam, wägend, gelegentlich mit einem Schuss Selbstironie. Sie sprachen über Physik und Philosophie, über Waldböden und Staatsräson, über Tierwohl und Haushaltspolitik, und über die Frage, wie wir unsere Freiheit durch demokratische Prozesse sichern können, ohne uns gegenseitig als Feinde wahrzunehmen. Und so nahm ein konservativ geprägtes Land einen grünen Ministerpräsidenten an, weil es in Ihnen einen Menschen erkannte, der zusammenführte.

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält die Laudatio im Neuen Schloss in Stuttgart

©Staatsministerium Baden-Württemberg, Ilkay Karakurt

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck hält die Laudatio im Neuen Schloss in Stuttgart

Ihre „Politik des Gehörtwerdens“ – ein Ausdruck, der in der Geschichte der Landespolitik mit Ihrem Namen verbunden bleiben wird – war im Kern eine Übung in demokratischer Geduld. Sie verlangte, Ambivalenz nicht als Lähmung zu sehen, sondern als Teil demokratischer Reife.

In den turbulenten Jahren der Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 zeigte sich Ihre Fähigkeit, zwischen den Lagern zu vermitteln, ohne die eigenen Überzeugungen preiszugeben. Sie ließen Bürger sprechen, Sie ließen Experten sprechen, Sie ließen Gegner sprechen – und Sie beharrten auf einem Ton der Mäßigung, in dem die Demokratie sich von ihrer besten Seite zeigt: als Raum, in dem man sich widersprechen kann, ohne sich zu verachten.

Dass Sie später, in den Jahren der Flüchtlingskrise, die feine Balance zwischen Moral und politischer Machbarkeit erkannten, machte sichtbar, dass Sie eine Tugend beherrschen, die unsere Zeit dringend braucht: das Ertragen der Unvollkommenheit des eigenen Handelns. Sie wussten, dass Humanität ohne Ordnung illusionshaft wird und Ordnung ohne Humanität ihre moralische Grundlage verliert.

Ihre Amtszeiten waren geprägt von wirtschaftlicher Transformation, gesellschaftlicher Polarisierung, Jahren der Pandemie und geopolitischen Umbrüchen. Und dennoch haben Sie mit Entschlossenheit gehandelt. Sie haben vielen Menschen in Zeiten der Erschütterungen Halt gegeben durch eine ruhige Sprache, die Ernsthaftigkeit und jene Reife vermittelte, die aus gelebtem Verantwortungsbewusstsein entsteht.

Wenn wir Ihr politisches Wirken betrachten, lieber Herr Kretschmann, dann begegnen wir einer seltenen Kombination: da ist ein Wille zur Klarheit, da ist der Mut zum Kompromiss, und nicht zuletzt erkennen wir den Respekt vor der Pluralität menschlicher Lebensentwürfe. Sie haben die Demokratie als einen Raum der gemeinsamen Bewältigung von Herausforderungen beschrieben. Und Sie haben immer wieder betont, dass Freiheit nicht jene zügellose Ungebundenheit meint, als die sie manche missverstehen, sondern die Freiheit des Menschen, die an die Verantwortung gebunden ist, die er gegenüber dem Gemeinwesen trägt. Gerade darin wird die Spur Hannah Arendts sichtbar. Ich spüre durchaus eine Resonanz zu meiner eigenen Biographie, wenn ich heute von Ihrem Freiheitsverständnis spreche. Die Freiheit, von der wir sprechen, ist keine bequeme Freiheit. Sie zeigt sich nicht nur in Rechten, sondern auch in Pflichten.

Wenn wir nun den Blick auf Ihre politische Kultur richten, wird deutlich, dass Sie Bürgerlichkeit im Sinne des verantwortlichen Bürgers – als Citoyen – verstanden haben. Sie haben, inmitten öffentlicher Debatten, die sich zunehmend an Schlagworten entzünden, eine erklärende Sprache gefunden, die ohne Belehrung oder Verharmlosung auskommt. In einer Zeit, in der der mediale Raum nach Zuspitzung verlangt, haben Sie das Belastbare, Langsame, das Durchdachte, das Gewachsene gepflegt.

So ist ein politisches Werk entstanden, das über die Grenzen des Landes hinausstrahlt, weil es zeigt, dass eine moderne Demokratie auch einem Stil ruhiger Vernunft verpflichtet bleiben kann; dass Führungsstärke nicht mit Lautstärke gepaart sein muss; dass Fortschritt und Verantwortung keine gegensätzlichen Kategorien bilden; und dass ein Mensch, der sich selbst nicht überschätzt, Großes bewegen kann.

Und so stehen wir heute vor einem Mann, der aus der politischen Verantwortung scheidet, ohne sich ihrer zu entledigen; vor einem politischen Verantwortungsträger, der wieder Bürger sein wird, dessen Stimme, dessen Haltung, dessen Maßstab uns jedoch weiterhin leiten kann. Ihre Erfahrungen, Ihre Gelassenheit, Ihre Nachdenklichkeit – all dies bleibt ein Teil unseres demokratischen Gedächtnisses.

Was bleibt, ist nicht nur ein Werk, das in Gesetzen, Reformen oder politischen Entscheidungen sichtbar wird. Was bleibt, ist der Stil Ihres politischen Wirkens: die Geduld der Reife, der Mut zur Verantwortung und eine Freiheit, die sich im Dienst am Gemeinwesen zeigt. Wenn ich Ihnen heute danke, dann tue ich dies im Bewusstsein, dass Sie ein Politiker sind, in dem die Menschen einen Mitmenschen erkennen. Und einen Demokraten, der unsere Demokratie ernst nahm.

Für dieses ermutigende Wirken danke Ihnen von Herzen, lieber Herr Kretschmann.